Stadthunger - Tränen auf deinem Gesicht

Das erste Mal sah ich dich mitten auf dem Alex sitzen. Zusammen gekauert, ungewaschen, mit fettigen Haaren. Du hast dich hinter einem Pappschild versteckt, auf dem mit krakeliger Schrift eine…
Stadthunger

Tränen auf deinem Gesicht

Das erste Mal sah ich dich mitten auf dem Alex sitzen. Zusammen gekauert, ungewaschen, mit fettigen Haaren. Du hast dich hinter einem Pappschild versteckt, auf dem mit krakeliger Schrift eine Botschaft stand, die direkt in mein Herz floss. “Ich habe Heimweh. Bitte gebt mir Geld, damit ich mir eine Rückfahrkarte nach Hause leisten kann.” Ich setzte mich einige Meter von dir entfernt auf eine Treppe und beobachtete dich.

Du hast geweint, die Leute gingen ungeachtet an dir vorbei, mieden dich, verachteten dich regelrecht als Dreck der Gesellschaft. Der Frühling war noch nicht wirklich da und es wurde langsam dunkel. Ich konnte diesen traurigen Anblick nicht mehr ertragen, stand auf und ging langsam auf dich zu. “Komm mit, ich lade dich zum Essen ein.” Erst wolltest du gar nicht hören, sträubtest dich gegen meine Hilfe, gegen mich, doch dann gabst du deine Festung auf. Du bist aufgestanden, hast dir mit den langen Fingern eine Strähne aus dem Gesicht gestrichen und liefst dann mit gebührendem Abstand neben mir her.

“Ich heiße Sina.” hast du gemurmelt, während du gleichzeitig einen großen Bissen vom Cheeseburger in dich hinein gestopft hast. Das fand ich eklig. “Warum siehst du so aus?” Während ich auf eine Antwort wartete und mich nun immer mehr fragte, wieso ich dich ekliges kleines Ding überhaupt mit hierher genommen hatte, vollzogen meine Gedanken mit mir eine Reise in das Nachtleben Berlins. Ich hätte mich in diesem Augenblick meinen Gelüsten, Gefühlen und Gedanken hingeben, mir selbst eine Reise ins Nirwana schenken und es dann mit einem billigen Emo in meiner riesigen Wohnung treiben können.

Meinem Gegenüber schien mein breites Grinsen nicht zu entgehen und so begann sie aus dem Nähkästchen zu plaudern, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. “Paula und ich sind von zu Hause fortgelaufen. Sie ist meine beste Freundin.” Du hast dich fast verschluckt und nahmst erst mal einen großen Schluck aus deiner Cola. Mir wurde übel. Von deinem Auftreten, dem Geschmatze, diesem widerlichen Geruch. “Ich war auf dem Klo im Hauptbahnhof und als ich wieder zurück kam war sie weg. Mit meinem Rucksack, meinem Handy und meinem Geld. Die blöde Schlampe.”

Eine Träne floss deinem mit Sommersprossen bedeckten Gesicht hinunter. Da flackerte in mir drin das Gefühl von Mitleid auf. Jetzt wusste ich wieder, wieso ich mit dir an diesem unsäglichen Ort gelandet war und bestellte lächelnd gleich noch zwei Menüs. Wir redeten den ganzen Abend. Du erzähltest mir von deiner grässlichen Familie, deinem dummen Exfreund, der Schule, dem Gefühl nicht zu wissen wo du hingehörst. Und dass Berlin die letzte Hoffnung war, dein Leben endlich auf die Reihe zu bekommen. Das kannte ich nur zu gut.

Ich hingegen faselte dich mit meinem Beruf als Partyfotograf zu und dass ich mich schon immer wunderte, wie ich mit dieser unchristlichen Tätigkeit so viel Schotter zusammen bekommen konnte. Allerdings verriet ich dir nichts von den Drogen, den Exzessen und den Prostituierten, die bei mir ein- und ausgingen, aber ich offenbarte dir, dass mein Vater mich nicht ernst nahm, meine allererste Liebe mit meinen zwei besten Freunden Sex hatte und ich mal im Gefängnis war. Warum blieb vorerst mein Geheimnis.

“Wenn du möchtest kannst du heute Nacht bei mir bleiben und morgen kaufe ich dir eine Fahrkarte nach Hause.” Du hast ziemlich verdutzt geguckt. “Wieso solltest du das tun? Wieso sollte ich das tun?” “Keine Ahnung, ich hab Geld und du brauchst Geld. Ich bin katholisch erzogen worden. Von wegen Teilen und Nächstenliebe und der ganze Scheiß.” “Meinetwegen, aber wehe du fasst mich an.” Plötzlich warst du eine Katze, mit Reißzähnen und Krallen und diesem Blick voller Misstrauen, Angst und Selbstschutz.

Mir gefiel deine vor Verletztheit und innerer Größe strotzende Kraft. In deinen glitzernd blauen Augen schien ich mir selbst zu begegnen, bevor ich den Spaß an alledem hier verloren hatte. Die Stimmen vieler Geister überkamen mich, als wir uns im schwachen Licht der Straßenlaterne endlich küssten. Du warst bleich, unwissend und ahnungslos, dein Wesen so voller Schmerz und Stärke. Das war das Schönste an alledem.

Wir trieben es die ganze Nacht. Im Bett, auf dem Tisch, an der Wand. Und am nächsten Morgen wolltest du gar nicht mehr weg. Ich duldete dich bei mir, wie meine Hauskatze. Mein kleines Äffchen. Und ich führte dich Schritt für Schritt in meine Welt ein, die dir schon nach kurzer Zeit mehr Glücksgefühle zu verliehen schien, als sie es bei mir jemals geschafft hatte.

Das war das zweite Kapitel “Tränen auf deinem Gesicht” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter Rubrik “Stadthunger“.

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