Stadthunger - Mein Traum, deine Flucht

Mir bleibt nichts anderes übrig als weiter zu atmen. Ein und aus. Für alle Zeit. Ewig. Bis du mich entdeckst, tief in meiner Seele sitzt und endlich spürst, wie toll…
Stadthunger

Mein Traum, deine Flucht

Mir bleibt nichts anderes übrig als weiter zu atmen. Ein und aus. Für alle Zeit. Ewig. Bis du mich entdeckst, tief in meiner Seele sitzt und endlich spürst, wie toll ich doch für dich bin, keine Anderen mehr in deinem Leben möchtest, die Geier nach Hause schickst. Meine Albträume werden stärker, schwächer, bunter. Von hustenden Bäumen, blonden Mädchen, graziösen Pferden.

Als ich meine Augen wieder öffne liegt das Pulver achtlos verstreut neben dir. Deine Brüste leuchten blau im Mondlicht, so einen schönen Anblick hatte ich schon lange nicht mehr. Stundenlang beobachte ich die Höhen und Tiefen, das taktvolle Auf und Ab deines Seins.

Keine Spur mehr von der einseitigen Ohnmacht nach dem großen Beben, der Kopf wieder klar und durchtränkt von den trüben Gedanken der letzten Zeit. Wie sehr sich doch alles verändern konnte. Du, ich, wir beide. Neben deinen rotblonden Haaren liegt Hugo, lächelt, sabbert, schläft.

Ein unstillbarer Heißhunger durchdringt mein Innerstes, meine Gedanken kreisen um labbrige Cheeseburger, fettige Pizza, mit Eiern und Käse überbackene Bratnudeln. Ich kotze fast vor Appetit, stehe auf, ohne dich noch einmal auf die Stirn zu küssen, und laufe nackt durch die Wohnung.

Der Kühlschrank ist gefüllt mit Bier, Red Bull und Champagner. Von Essbarem weit und breit keine Spur zu sehen. Der Raum beginnt sich zu drehen, das helle Licht bohrt sich direkt in meinen Magen, meine Lunge, meine Beine. Ich sacke auf dem Boden zusammen, fange an zu weinen, verhungere elendig.

Als Sina mich am nächsten Morgen wie ein Embryo im Mutterleib zusammengekauert vor dem offenen Kühlschrank liegen sieht, fängt sie an mich am ganzen Körper zu küssen, hört nicht auf, bis ich meine Augen öffne, ihren Kopf zwischen beide Hände nehme und ihr tief in die ozeanblauen Augen sehe.

Darin leuchten unzählige Sterne, der Weltuntergang, der Sinn des Lebens ist zum Greifen nah. Meine Eltern stimmen ein fröhliches Lied an, Delphine springen umher. Und bevor ich das Geheimnis unseres gesamten Daseins endgültig lüften kann klingelt es an der Tür.

Sina lächelt, erhebt sich und öffnet dem Postboten, ohne sich die Mühe zu machen sich vorher zu bedecken. Der verzieht keine Miene, drückt ihr ein Päckchen in die Hand und verabschiedet sich wie gewohnt höflich und mit einer Scheißegal-Stimmung von uns beiden. Ich schäme mich. “Hast du Hunger?”, fragt sie mich dann. “Ich bestell’ uns eine Pizza, wenn du möchtest.”

Es dauert fast eine Stunde, bis ich endlich etwas Essbares zwischen meinen Zähnen habe. Wir sitzen auf der Couch und gucken uns “O.C., California” auf DVD an. Die Sonne strahlt durch die riesigen Fenster der Altbauwohnung. Am Horizont thront der Fernsehturm.

Als Ryan Marissa sterbend in den Armen hält renne ich ins Bad und übergebe mich in die Wanne. Die erscheint mir in diesem Augenblick einfach passender für mein spontanes Vorhaben. Sina kommt mir nach und wir schlafen auf dem kalten Fliesenboden miteinander. Als ich fertig bin fragt sie mich: “Versprichst du mir, dass es ewig so bleiben wird?” Ich nicke stumm. Sie steigt von mir herunter.

Das Päckchen enthält eine neue Kamera, die ich mir im Internet bestellt habe. Sie ist teuer, sie ist wunderschön und das erste was ich damit fotografiere ist Sina, wie sie das Bad putzt. Immer wenn ich diese Fotos heute sehe bekomme ich einen Herzkrampf, ein überwältigendes, markerschütterndes Gefühl, wieso ich nicht besser auf sie aufgepasst habe. Warum ich nicht eher da war, als es passierte.

Das war das erste Kapitel “Mein Traum, deine Flucht” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Alle Teile davon findet ihr zukünftig auch unter der Rubrik “Stadthunger“.

Mister Spex

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