- Krieg in Kreuzberg

Als wir die Treppe hinauf liefen und ich mich nach links drehte, zerplatzte in Sarahs Gesicht eine Bierflasche. Von überall her schrieen schwarz Vermummte linke Parolen, es sollte schon dunkel…

Krieg in Kreuzberg

Krieg in Kreuzberg

Als wir die Treppe hinauf liefen und ich mich nach links drehte, zerplatzte in Sarahs Gesicht eine Bierflasche. Von überall her schrieen schwarz Vermummte linke Parolen, es sollte schon dunkel sein, aber die brennenden Mollis, das Blitzlicht der Kameras und das ständig rotierende Blau hielten den Himmel über dem Kotti am unnatürlichen Leben. Sarah sank an der gekachelten Wand zusammen, ihre blonden Haare hingen blutverschmiert ins Gesicht. Sie heulte, schluchzte. Wir waren mitten in eine Falle getappt. Die U-Bahn-Station war eine einzige Festung geworden. Der Boden war rot gesprenkelt, es roch nach Kotze, Alkohol und Schweiß. Armeen von grüngepanzerten Polizisten hatten uns umringt, am Himmel kreisten laut Helikopter. Die Verteidiger unserer Burg warfen mit Flaschen nach den ausharrenden Angreifern, das Tor hatten sie aus eigener Kraft verschlossen. “Kommste raus und bekommste erst ma’ eine auf die Fresse.” jammerte ein alter Mann und verschwand wieder in den Tiefen der U-Bahn.

Es war schwer für die Sanis sich den Weg zu uns durchzuschlagen. Das große grüne Stahltor wurde geöffnet und sie begannen sofort Sarah notdürftig zu behandeln. Ich hielt ihre Hand, doch plötzlich hörten wir ohrenbetäubende Schreie und Getrampel hinter uns. Die Bullen hatten nur auf diese Chance gewartet und stürmten wie in einer grünen, mit Schlagstöcken prügelnden Welle auf uns zu. Die Sanitäter warfen sich schützend und auf die Angreifer fluchend über Sarah. Wir hoben die Arme und riefen aus aller Kraft “Stopp” und “Verletzte”, aber es half nichts. Die grüne Welle überkam uns mit einem dumpfen Schlag, meine Lippe platzte auf. In Zeitlupe prallten die Leute gegen die Wand und fielen die Treppe hinunter – in meinem Ohr erklang “Nothing To Worry About” von Peter Bjorn and John. Ich warf einen letzten, verzweifelten Blick auf die blutige Stelle an der Wand, doch einer der Polizisten zog uns heraus und schleuderte mich gegen einen Trupp von Pressefritzen, von deren Seite das Blitzlichtgewitter kein Ende nahm.

Krieg in Kreuzberg

“Haste ma’ Feuer?” zog mich ein alter Alki wieder nach oben und verschwand wankend hinter der Wand aus Schaulustigen mit ihren Handys und Digicams. Zwei Mädels tanzten die Tetris-Melodie trällernd um den Einsatztrupp herum, Ampeln und Schilder wurden zu Fall gebracht und einer lies die Hose runter und kackte vor den Grünen auf den Boden. Die Menge tobte, lachte und jubelte. Dann wieder laute Schreie und trampelnde Schritte. Dieses Mal waren sie nicht mehr grün, sondern schwarz. Sie schienen stärker gepanzert und rannten mit Pfefferspray sprühend auf uns zu. Vielleicht hätte ich nicht unbedingt ganz in Schwarz und mit übergezogenem Kapuzenpuli auf diesem absurden Kriegsschauplatz auftauchen sollen, aber wieder wurde ich gepackt und mit der Wucht eines Bullen in die am Straßenrand stehende Menge gedrückt. Nach Atem ringend konnte ich mich auf eine Verkehrsinsel retten. Der ganze Boden war voller Glassplitter und herausgebrochener Pflastersteine. Wir waren umzingelt.

Um uns herum brannte es, die Menge war aufgeheizt und warf mit allem was sie auf dem Boden fand nach den Beamten, die sich um uns herum positionierten. Ein Krankenwagen fuhr vom U-Bahnhof, der danach sofort gesperrt wurde, weg und ich hoffte, dass Sarah darin in Sicherheit war und die Verletzung nur schlimmer aussah, als sie es in Wirklichkeit war. Mein Kopf brummte und zum ersten Mal konnte ich mir ein Bild von der Lage machen, die von Gewalt und bierausschenkenden Dönerbuden dominiert wurde. Aber es dauerte nicht lange bis du den Dreh raus hattest, wann du wo in verhältnismäßiger Sicherheit stehen konntest und wie du auf die Rufe, “Gas”-Warnungen und laute Schritte reagieren musstest, ohne ständig von unseren kreuzenden Freunden in die Mangel genommen zu werden. Viel schlimmer waren die Wurfgeschosse, die kreuz und quer auf den Kotti einprasselten und nicht vor Polizist oder Demonstrant, Zuschauer oder Passant unterschieden. Ständig sackten Leute um mich herum schreiend und die Hände schützend vors Gesicht haltend auf den Boden, wieder tropfte Blut auf den Asphalt und wieder überfuhren uns die Bullen, ohne auch nur einmal auf Verletzte, Sanitäter oder Passanten zu achten.

Es war ein bizarres Schauspiel voller losgelöster Wut, Gewalt und amüsanter Volksfestatmosphäre und als ich mich Nachts dann total fertig in die U-Bahn ein paar Stationen weiter retten konnte war ich plötzlich wieder in der normalen Welt. In dem kleinen Mikrokosmos herrschte Krieg, der Ausnahmezustand, eine gewaltige Mixtur aus Feuer, Steinen, Glas und Blut, doch hier war alles so friedlich, so ruhig, so normal, dass man sich der Realität des gerade Erlebten gar nicht mehr so sicher war. Und mit diesem Gedanken pennte ich schließlich ein, während mir wieder warmes Blut aus der Lippe lief.

[audio:kreuzberg.mp3]

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