- 1999

Ich hatte mir bei der Flucht vor den Polizisten mein Knie aufgeschlagen. Der Beton, der so rasend schnell unter meinen Beinen hinweg flog, wurde von mir in ein rotgepunktetes Kunstwerk…

1999

1999

Ich hatte mir bei der Flucht vor den Polizisten mein Knie aufgeschlagen. Der Beton, der so rasend schnell unter meinen Beinen hinweg flog, wurde von mir in ein rotgepunktetes Kunstwerk verwandelt. “Man Marcel, lauf mal schneller, Alter, bevor uns die Deppen noch einholen!” Ich konnte vor mir Eniz’ und Alis Gesichter in der Dunkelheit der Nacht erkennen. Wir sprangen über Zäune, kletterten über Hecken und liefen die Zugspitzstraße entlang. Keine Ahnung, ob die Grünen uns selbst jetzt noch verfolgten, nachdem wir eine viertel Stunde quer durch die gesamte Stadt gerannt waren, aber ich war völlig aus der Puste und humpelte die letzten Meter zu unserer Zuflucht. Wir schlugen das Holztor zum Spielplatz auf, kletterten in das Häuschen auf der Rutsche und ließen uns aufeinander fallen. Ich konnte die Herzen der Anderen genau so laut schlagen hören wie das meine. Ein paar Glühwürmchen flogen um uns und die Bäume herum und der helle Mond tauchte das grüne Paradies in einen hellen, unheimlichen Schein. Mucksmäuschenstill hockten wir da, guckten uns minutenlang an und machten keine Anstalten uns auch nur einen Zentimeter vom Fleck zu bewegen, bis ein paar dunkle Gestalten lauthals durch das Tor genau auf uns zustürmten, dabei unsere Namen riefen und uns lachend um die Hälse fielen. Das waren sie. Die ZSC. Meine besten Freunde.

Es war die heißeste Sommernacht des Jahres gewesen und das Millenium sollte schon bald unser aller Leben verändern. Zehn Jahre ist das jetzt beinahe her. Ich liege im Bett und kurz bevor mich die Träume in eine konfuse Parallelwelt voller Gewalt, Sex und Ponys zerren, denke ich mit Wehmut an die Zeit aller Zeiten zurück, die mich wie nichts mehr zu dem geformt hat, was ich heute bin. Ich tauche ein und mit einem Schlag sitze ich Nachmittags wieder mit meinen Kumpels auf der Couch und zocke “Super Smash Bros.”, sofort liegen wir wieder in dem Zelt am Lagerfeuer und Eniz und ich knutschen mit Anja rum und als hätte es die Zeit dazwischen nie gegeben, springen wir von der Klippe in den Baggerweiher, knacken den Wohnwagen auf, heilen das Chrissy-Syndrom, heulen im Fritz, fummeln hinter der Bude mit Kerstin und Mela und geben uns in der Mücke die erste Kante.

Ich vermisse diese Sommer, denn sie waren das Intensivste an Leben, das ich jemals zu spüren bekommen habe. Jahre, in denen wir unbesiegbar waren, in denen wir uns geschworen haben, dass es immer so bleiben wird. Dass wir uns niemals der Gesellschaft beugen würden. Dass alles was wir tun etwas Besonderes ist, etwas, dass uns zu ewigem Leben verheißen wird. Und die allerbeste Pokémon-Mannschaft hatten wir ohne Zweifel auch.

Wenn ich ganz tief in meine Gedanken versunken bin und die alten Songs aus meinem iPod rauschen, dann stelle ich mir vor, dass ich plötzlich mitten auf unserer Wiese aufwache. Um mich herum stehen alle meine Leute von früher. Sie fragen: “Marci, alles in Ordnung mit dir? Du hast voll den Fußball an den Kopf bekommen.” Ich schaue verdutzt bis ich merke, dass die gesamten zehn Jahre, die seit diesem Augenblick vergangen sind, niemals geschehen sind und sich nur in meinem Kopf abgespielt haben. Aber ich habe keine Zeit lange darüber nachzudenken, weil ich schon damit beschäftigt bin Sabse und Onur hinter her zu rennen, alle lachen. Ich trinke eine Freeway-Limo vom Lidl und später werden wir an den See fahren. Und während ich mit den anderen gleichzeitig ins kalte Nass springe, denke ich an Becca. An die FOS. An Berlin. Und ich bin glücklich, dass das hier doch nur ein Traum ist.

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s.Oliver

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Tally Weijl

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