- Lena und Paula: Kapitel 1

In meinem Leben gibt es wirklich nur wenige Zukunftsszenarien, die mir so richtig tierische Ängste und ab und zu sogar schlaflose Nächte bereiten. Dass ich irgendwann mehr Geld verdiene als…

Lena und Paula: Kapitel 1

In meinem Leben gibt es wirklich nur wenige Zukunftsszenarien, die mir so richtig tierische Ängste und ab und zu sogar schlaflose Nächte bereiten. Dass ich irgendwann mehr Geld verdiene als mein Arsch von Vater zum Beispiel. Denn in meinem Kopf gilt es als erwiesen: Die scheiß vielen Kröten sind Schuld daran, dass der Idiot ständig mit einem Heer von blonden, magersüchtigen Sekretärinnen, die nicht älter als ich selbst sind, von Weltmetropole zu Weltmetropole jettet und seine liebe Familie dabei ständig den Kürzeren zieht. Dass er es mit mindestens der Hälfte dieser seelenlosen Barbiepuppen treibt, weiß meine Mutter aber nicht. Will sie vielleicht auch gar nicht.

Eine andere unkontrollierbare Furcht habe ich ganz klar auch von kleinen Kindern. Ich weiß nicht, wie man mit denen umgeht, ich weiß nicht, was man mit denen anstellen soll und schon gar nicht komme ich damit klar, wie es sein kann, dass mich so achtjährige Gnome mit dicken Hosen und noch dickeren Eiern entweder als Schlampe beschimpfen oder mir an der Bushaltestelle ständig am Arsch herum grabschen. Und wenn man ihnen dann eine scheuert, ja, dann heulen sie plötzlich rum und rufen nach ihrem Stier von Vater, der einen dann mit einer Mischung aus Abscheu und triefender Geilheit zur Sau macht. Danke, für diesen schönen Morgen..

Aber am meisten, also wirklich am allermeisten graust es mir vor der Vorstellung, dass mir irgendwann bei einem gewagten Sprung ins Schwimmbadbecken oder den Stollensee mein Bikini flöten geht. Das ist nämlich meiner besten Freundin Paula letzten Sommer passiert. Seitdem weiß die ganze Schule, dass sie die wohl kleinsten Brüste und hässlichsten Schamhaare aller Zeiten hat. Und das finden nicht nur diese frühreifen Zicken aus der Fünften überlustig, nein auch Torsten, selbsternannter Vollmongo und prädestiniert als Preisträger für den BILD-Zeitungsleser des Jahres, reitet da nur zu gern drauf rum.

Obwohl er jedenfalls in diesem Augenblick wohl eher damit beschäftigt war auf mir rumzureiten, eklig grunzende Laute von sich zu geben und beinahe bei dem gescheiterten Versuch mich beim Rammeln parallel auch noch zu fingern vom Bett zu fallen. Also ließ er es lieber gleich bleiben. Was wirklich besser für uns beide war, weil er sowieso nur wie ein behämmerter Irrer auf meinem Bauch herum klatschte. Wenigstens musste ich ihm bei seiner sehr persönlichen Interpretation des Zweiten Weltkrieges nicht in die Augen schauen, so dass ich die Chance nutzte, um an diesem sonnigen Tag aus dem offenen Fenster einen Blick in den Park zu werfen und darüber nachzudenken, ob Paula mir wohl heute Nachmittag meine Geschichtshausaufgaben und den Gutschein für Douglas vorbei bringen würde. Es gab da so ein neues Parfüm von Puma, das ich unbedingt haben musste. Das roch nämlich wie eine Mischung aus Vanille und Himbeere und vertrug sich wirklich unglaublich gut mit meinem phänomenalen Eigengeruch.

„Dreh dich um, du Sau!“, rief es von hinten und ehe ich mich versah lag ich auch schon auf dem Rücken und Torstens Miniaturausgabe von einem Schwanz steuerte zielgerecht auf meine Nase zu.

Den Gedanken nach Berlin zu gehen, um dort mein Leben von Grund auf umzukrempeln und endlich herauszufinden, was ich denn wirklich mit meinem Dasein anstellen wollte, kam mir einige Minuten nach diesem einschneidenden Erlebnis in Torstens versifftem Badezimmer. Ich hatte mir gerade mein Gesicht mit warmem Wasser abgespült und hielt ein Handtuch in der Hand, als ich mir aus Versehen direkt in meine tiefgrünen Augen starrte, die fast schon abwertend zurück blickten. Ich begutachtete langsam mein Gesicht, während im Wohnzimmer die postromantischen Klänge von Rammstein ertönten. Der Geruch von Marihuana stieg mir in die Nase. Und in diesem Moment wurde es mir klar: Ich war mehr als nur ein kleines rothaariges Mädchen, dessen süßes Gesicht lediglich als Spermafriedhof herhalten musste. Ich hatte Charakter, ich war scheiße kreativ, ich war etwas Besonderes. Und tolle Titten hatte ich auch.

Und mit dieser Erkenntnis im Schlepptau lief ich ins Wohnzimmer, schnappte mir meine Klamotten, rannte mit einem lautstarken „Adios, du Wichser!“ an Torsten vorbei und stolperte erleichtert aus der Tür in den Innenhof. Dem taubstummen alten Ehepaar, das mir gegenüber auf einer grünen Bank an der Hauswand saß, schien mein Striptease im Grünen jedenfalls zu gefallen. Ich ließ mir Zeit beim Anziehen, zog eine Kippe aus der Hosentasche und machte mich auf den Weg zum Busbahnhof. Und wehe da stand jetzt auch nur ein Gnom rum.

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Jack & Jones

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Superdry

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Tally Weijl