- Das Ende der Nacht

In meinem Kopf war der Dritte Weltkrieg ausgebrochen. Als ich widerwillig meine verdreckten und verklebten Augen öffnete und mich zur Seite drehte, hatte ich Lenas nackten Arsch im Gesicht. Und…

Das Ende der Nacht

In meinem Kopf war der Dritte Weltkrieg ausgebrochen. Als ich widerwillig meine verdreckten und verklebten Augen öffnete und mich zur Seite drehte, hatte ich Lenas nackten Arsch im Gesicht. Und auf dem saß schnurrend ihre dämliche, dreibeinige Katze. Es hämmerte, ich hörte Bomben, überall in meiner Birne gab es Explosionen und ein chinesisches Feuerwerk der Extraklasse. Das Sonnenlicht brach sich in Millionen von Farben. Mir wurde schlecht.

Im ganzen Raum verteilt lagen leere Wodka- und Bierflaschen herum. Ich stöhnte, grunzte fast, und versuchte mich aufzusetzen, was mich unfreiwillig dazu brachte, fast von dem scheiß Bett zu fallen. Mir gelang es gerade noch, mich mit einer entblößten Pohälfte auf dem Nachtkästchen aufzufangen, was wiederum den Wecker aus grünem Glas aus dem Gleichgewicht brachte. Damit war auch sein Ende gekommen. Ich konnte förmlich zusehen, wie er in Zeitlupe gen Boden stürzte und mit einem lauten Scheppern auf dem Laminatboden in tausend Einzelteile zerbrach.

Mein interner Anteil an Restdrogen ließ diesen, mir Stunden erscheinenden Flug, in bunten Formen, Gerüchen und Melodien erstrahlen und es schien so, als hätte mir der Wecker kurz vor seinem Aufprall noch zugezwinkert und ruhig zugeflüstert: „Alles wird gut, Marcel.“ Der Lärm ließ die Katze erwachen, die mich mit dem bösesten Geräusch der Welt anfauchte. Ich rotzte ihr ins Gesicht und stand auf. Welcher Idiot kauft sich schon einen Wecker aus Glas. Dumme Kuh.

„Alter, mach mal nicht so einen fuckinâⓚ¬Ëœ Lärm.“ Ich drehte mich zur Seite und sah Peter auf der roten, versifften Couch liegen, auf der schon so manches Unglück geschehen war. Auch seine Klamotten lagen sonst wo verteilt und er machte keine Anstalten seine eklige Morgenlatte, die er stramm in meine Blickrichtung hielt, mit irgendwas zu verdecken. An der hätte ich glatt seine blöde Amiland-Flagge hochziehen können. Der General in meinem Schädel ließ die Hose runter und salutierte. „Zieh dich an, du Sau, ich geh mal kotzen.“, rief ich Peter zu und torkelte ins Bad.

Peter. „Wie der Typ aus Heidi, nur mit nem I, statt ‘nem E. So American Style halt.“ Du Depp. Peter mit I wurde vor einigen Jahren mit einem Müllfrachter direkt aus California nach Berlin importiert, war so ein typischer, ekliger, schleimiger, blonder, braungebrannter Beachboy mit Muschelkette und Schwertfischtattoo, der sich seine Fitnessstudio- und Asitoasterbesuche als Bademeister und Surflehrer verdiente. Total abartig. Dafür hatte er ‘nen kleinen Pimmel, so.

Ich rieb mir meine armen Äuglein und musste feststellen, dass ich die Hälfte meiner Infanterie neben der Toilette freigesetzt hatte. Ich stutzte kurz, machte die anhaltenden Bombenangriffe in den höheren Gefilden dafür verantwortlich und stapfte in die Küche, um mir ein paar Cornflakes zu machen. „Oh man ihr Wichser, hab ich Stefan schon wieder mit euch beiden asozialen Säcken betrogen?“, hörte ich hinter mir eine krächzende Rabenstimme.

Der Klang schmerzte, diese feengleiche Wortwahl konnte nur von Lena stammen. Studiert irgendwas, ist der Liebling ihrer Schwiegermutter und mehrfache Mutter von zwei liebreizenden, behinderten Kätzchen (Eva und Göbbels), von denen die erste nur im Umfallen gut war und die andere zu fett zum Sitzen war. Göbbels lag die ganze Zeit in ihrer gelben Ecke, sah aus wie ein überbackener Fußball und jaulte ausnahmslos nur dann, wenn man ihr einen Turnschuh hinwarf, um zu testen, ob sie denn noch am Leben war.

„Ja und, heul doch, dein Mann ist ja auch ein Vollhorst.“ Sie nahm ihren Spiegel und den einzigen Zwanziger im Haus und zog sich erst einmal `ne Line, während ich überglücklich über meine mit Zimt überzogenen Cornflakes war. Ich hätte die Welt umarmen können, so lecker waren die. Diese aromatisch ausgewogenen, süßen kleinen Dinger. Jeder Bissen ein Vergnügen. Nur die Milch, die war schon schlecht und hatte Klumpen. Itâⓚ¬Ëœs not a bug, itâⓚ¬Ëœs a feature. „Na und, dafür ist er reich und hat Kohle.“

Sie verzog das Gesicht, schaute mich innig an. Mir blieben die Cini Minis im Hals stecken, so bohrend war dieser Blick. Und mit einer gewaltigen atomaren Zündung nieste sie das ganze teure Koks über den Küchentisch. „Bist du bescheuert?! Ich bin allergisch gegen Zimt, du Arsch! Komm mir mit dem Zeug nicht zu nahe!“ Sie war außer sich, schmiss den Spiegel nach mir und ging erst mal mit der Katze masturbieren. Die gehbehinderte war heute dran. Sie knallte die Tür hinter sich zu. „Ihh, verdammt wie siehtâⓚ¬Ëœs denn hier aus?!“. Ruhe. Kurz darauf konnte man eine stöhnende Lena und die fast schon mitleidig jaulende Eva hören.

Ich holte meine Klamotten, salutierte noch kurz vor Peters Lättchen und stürmte dann aus Lenas rosanem Drogenpuff. Gott, war ich froh, dass ich aus dieser Irrenanstalt raus war. Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht, am Ende der Straße konnte ich den Fernsehturm sehen, der mich unweigerlich an Peters morgendliche Überraschungseier erinnerte. Ich setzte meine überteuerte Designersonnenbrille auf und spazierte die mit saftig grünen Bäumen bepflanzte Allee hinab. Es war kurz vor 10, ich würde mal wieder zu spät zur Arbeit kommen. „Taxi!“

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