- März 2007

Sie nannten mich nur noch Toki. Meinen echten Namen vergaß ich immer öfter. Er war mir aber auch egal. Nintendos Schnarchen stimmte mich traurig. Schon die ganze Nacht. Ich stand…

März 2007

Sie nannten mich nur noch Toki. Meinen echten Namen vergaß ich immer öfter. Er war mir aber auch egal. Nintendos Schnarchen stimmte mich traurig. Schon die ganze Nacht. Ich stand auf, um mir ein Glas Wasser zu holen. Der Mond erleuchtete das Zimmer in schummrigem Blau.

Das Wasser in dieser Drecksbude war in Ordnung. Wenigstens das. Ich hatte innerhalb des letzten halben Jahres in vielen Buden gehaust. Im Kellerraum einer Reifenfabrik, im Kinderzimmer einer Freundin, in der halb fertig gestellten Villa eines angehenden J-Pop-Flittchens. Aber hier war es in Ordnung. Von hier hatte man eine tolle Aussicht auf den Tokyo Tower. Oft sah ich ihn an. Von den verschiedensten Blickpunkten der Stadt aus. Und immer erfüllte er mich mit Wärme und Geborgenheit. Er verscheuchte die bösen Gedanken.

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„Toki, alles in Ordnung?“ Yumi sah mich an. Sie lag auf dem Sofa und sah sich amerikanische Seifenopern an. Das machte sie jede Nacht. Schlaf bedeutete ihr nichts, sagte sie. So selten, dass ich es ihr glaubte. Ich nickte und sah ihre hübschen langen Beine an, die sie übereinander auf den Tisch gelegt hatte. Ihre rechte Brust quoll etwas aus dem Nachthemd hervor. „Hör auf, meine geilen Beine so anzustarren, sonst musst du wieder an Ana denken.“ Sie zwinkerte mir zu und ihr Blick schwenkte rechtzeitig zum Ende der Werbung wieder auf den Schirm. Ich nahm einen Schluck aus dem Glas.

Manchmal hatten wir Sex. Yumi und ich. Aber das war nichts Besonderes. Sie schlief auch mit Nintendo, wenn ich in der Arbeit war. Damit versuchte er manchmal vor mir Eindruck zu schinden. Aber ich wusste, dass es ihr mit mir besser gefiel, als mit ihm. Im Grunde war mir das auch egal. Seitdem ich hier bin habe ich Liebeskummer. Es ist, als hätte sich dieses unsägliche Gefühl in mein Inneres gefressen. Immer weiter. Ich akzeptierte es. Langsam. Ich war mal glücklich. Sie hieß Ana. Es ist schwer, jemanden zu vergessen, der Ana heißt. Überall tauchen diese drei Buchstaben auf. In den verschiedensten Variationen. Und wenn sie dich erwischen, bist du wieder auf dem Nullpunkt. Immer. Sie war meine beste Freundin. Mir war kalt.

Ich zog mir das T-Shirt von Little Foods an, in dem Nintendo arbeitete. Es war pink und ich sah unsäglich schwul darin aus. Aber das interessierte heute niemanden. Nicht einmal Yumis Katze, die mich keines Blickes zu würdigen an mir in Richtung Futternapf vorbei schlenderte. Durch ihr penetrantes Quietschen machte sie schnell deutlich, dass er leer war. Ich musste einkaufen gehen. Auf dem Tisch lagen ein paar Yen-Scheine.

Beim Hinausgehen machte ich mein Handy an. Ich hatte es aus Deutschland mitgenommen. Ein neueres konnte ich mir nicht leisten. Auf dem Display blinkte eine ungelesene SMS. Niemand schrieb mir aus Deutschland. Nicht einmal Ana. Fuko wusste, dass mein Handy keine japanischen Zeichen darstellen konnte, deshalb schrieb er immer nur eine Uhrzeit. Wann ich kommen sollte. Er war mein Chef.

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Einige Schulmädchen lächelten mich an. Das lag wohl am T-Shirt. Der Sommer hatte seinen Höhepunkt erreicht. Ich bog in die Seitenstraße ein und begrüßte den alten Besitzer vom Mini Store 24/7. „Fiuntzwanziksibän“, rief er immer, wenn ich in den Laden kam und lachte sich bei dem Wort halb in den nächsten Herzinfarkt. Ich lächelte ihn an, als würden mich seine grandiosen Deutschkenntnisse jedes Mal zum Staunen bringen und schlenderte durch die Regale. Für eine volle Einkaufstüte reichte das Geld gerade noch. Wir saßen fast immer auf dem Trockenen. Die Miete für die Drecksbude war hoch. Ich arbeitete in einer kleinen Disco als Mädchen für alles, Nintendo verkaufte Fastfood und mit was Yumi ihr Geld verdiente, wusste keiner. Aber manchmal hatten wir so eine gewisse Ahnung.

Als ich nach Hause kam, saß Nintendo vor dem iBook und spielte „World of Warcraft“. Er war einmal der größte Super-Mario-Fan, den es gab und das Logo der Herstellerfirma zierte immer noch seinen rechten Unterschenkel. Bis er die Liebe zu Onlinerollenspielen entdeckte und nach und nach seine ganze Videospielsammlung verkaufte, um seinem neuen Hobby frönen zu können. Er hatte noch einen alten, grauen Game Boy. Doch mit dem spielte nur noch Yumi ab und zu.

„Wo ist Yumi?“, rief ich ihm zu, als ich ins Zimmer kam und die Tasche aufs Sofa stellte. „Weg.“, sagte er nur knapp und plapperte wieder irgendwelche Fachbegriffe in sein Headset. Wie gesagt, ich hatte Liebeskummer. Aber den hatte ich schon, bevor ich hier her kam. Ich dachte, ich könnte ihm entkommen. Hier. Doch du kannst nicht vor etwas fliehen, was so tief in dir verwurzelt ist. Alles, was wir bisher durchgemacht haben, hat unsere Freundschaft nur noch mehr gefestigt. Das kleine blaue Heftchen hatte sie mir mal zum Geburtstag geschenkt. Es war wie ein Schatz für mich.

Ich schüttete der Katze ein wenig Futter in die Schüssel und sie begann sofort sich gierig auf die nassen Fleischbrocken zu stürzen. Tokio war anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich dachte es wäre bunt, aufregend und atemberaubend. In Wirklichkeit war es bunt, aufregend und atemberaubend. Aber anders. Eine ewige Melancholie verfolgte mich. Beim Tanzen in den Spielhöllen, beim Fummeln mit blondierten und aufgetakelten Lolitas, beim Frühstücken mit Yumis Katze als Tischpartner.

Manchmal beschlich mich der pochende Gedanke, dass ich etwas in Deutschland verpasste. Meistens spät abends und am Wochenende. Wenn ich daran dachte, was sie jetzt wohl gerade erlebte, welche ekligen Typen sich an ihrem Körper aufgeilen durften und an wen sie in dieser Nacht ihr süßes Geseufze verschenkte. Die Tränen waren dabei schon lange versiegt, aber diese bodenlose Taubheit blieb.

[audio:bemylast.mp3]

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15 Kommentare

  • wow. das war jetzt glaub ich einer deiner best geschriebenen texte und dazu dieses lied. da werd ich gleich selber nachdenklich und denk an meine alte beziehung. verrückt. ich wusste gar nicht das du in tokyo warst, das liest sich auch total fiktiv. ob es das nun ist oder nicht ich würds dir glauben, wegen der art und weise wie du es geschrieben hast. wirklich ein bisschen strange aber wunderbar geschrieben. bin irgendwie verstört jetzt, na ein glück geh ich gleich noch ein bisschen aus. irgendwas feiern.

  • Super geschrieben, unbedingt mehr davon.

  • stephan

    muss meinen vorrednern recht geben, toller text. allerdings ist das glaube ich eine art selbsthilfe. tokyo ist in diesem fall wohl eher berlin. aber das schaffst du schon, da bin ich guter dinge.

    übrigens, das lied ist großartig. ich kannte utada hikaru bis dato garnicht, aber das wird sich glaube ich ab heute ändern :)

  • ich kenn das lied…von wem war das nochmal?*grübel*

  • stephan

    Utada Hikaru – Be My Last :)

  • Achherjeh Mar Ci, immernoch gefühle für Anna. Dich hats ja verdammt erwischt :/
    Hmm…hast du ihr denn nun schonmal alles gebeichtet?

    Der Text ist gut geschrieben, auch wenn es für mich am Anfang etwas verwirrend war, wer wer ist und um was es überhaupt geht.

  • Nadja

    @ hoizge, ich glaube nicht das er noch in anna verknallt ist. da steht doch dass der text vom märz 2007 ist, oder? ich glaube er will jetzt eher was von dieser jenny ;))

  • Na das März 2007 hab ich glatt übersehen. Mar Ci, warum heist eine Überschrift, Überschrift? Weil sie über dem Text steht, sonst müsste sie ja unterschrift heissen, dieses Wort ist aber leider auch schon vergeben ;)

    die Jenny, die neue Kolumnen schreiberin? kA ^^

  • Mar Ci

    Also in einem Punkt hat Nadja Recht :D

  • André

    Manchmal frag ich mich was du da in Berlin so alles anstellst…
    aber wenn du noch Zeit hast solche Texte zu schreiben kanns
    ja nich allzu schlimm sein.

    Zum Text… mir kommts wie ne Verarbeitung von beiden Aspekten die Nadja
    und Hoizge genannt haben vor. Also Ana und Jenny, da er in dem Text
    einerseits was mit Jenny hat aber die ihn schon auf Ana anspricht aber
    das ganze noch in seinem (deinem Marci) Kopf abläuft und er sich selber
    in Person von Jenny antwortet das er ja immer noch an Ana denkt…
    Im Grunde alles ein Zwiegespräch von mehreren Aspekten von Marcis Selbst ^^

    Und Tokyo ist ja einerseits seine Lieblingsstadt und andererseits symbolisiert
    diese Fremdheit vielleicht auch die Fremdheit Berlins im Vergleich zu Buchloe.

    Gott ich komm mir vor wie in der Schule bei ner Gedichtsinterpretation
    wo nach und nach allen Schülern klar wird das der Autor sich eh nix
    dabei gedacht hat und man irgendwas rauslesen muss was nich da ist während
    der Lehrer darauf beharrt das der Kerl ein Genie war und alles sorgfältig
    verpackt hat.

    Black Power!
    Spider Pig!

  • ich liebe deine texte!

  • Lizzy

    Oh mann, marci, du hast s drauf! der text war echt total schön.. super gemacht.. es hört sich echt total real an.. aber die ana is ja jetz gottseidank vergangenheit! und die süße jenny hat dir ja richtig den kopf verdreht^^ vermiss dich und freu mich voll auf november :-)

  • ich liebe deine texte!

    Kann ich nur unterschreiben. Genialer Text.

  • Gefällt! Sehr schöner Satzbau und guter Textfluss. Die Melancholie des Protagonisten manifestiert sich in der eigenen Gefühlswelt beim Lesen.

    MfG
    Daniel

  • Very nice und auch noch meine Lieblingssängerin Hikki.

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