- Erste Zeilen

Jennys Kolumne: Ich bin die Neueâⓚ¬Â¦ Und ich stehe unter Druck, mir was wahnsinnig Raffiniertes, vom Hocker reißendes einfallen zu lassen. Und was macht man da? Man überlegt. Es gibt…

Erste Zeilen

Jennys Kolumne: Ich bin die Neueâⓚ¬Â¦ Und ich stehe unter Druck, mir was wahnsinnig Raffiniertes, vom Hocker reißendes einfallen zu lassen. Und was macht man da? Man überlegt. Es gibt nur dieses vom-Hocker-reiße-Ziel, aber der Weg führt mich zu einem Ort, der einem nie einfallen würde, wenn man an die Orte denkt, an denen man gerne wäre. Man sagt nie so Dinge über diesen Ort wie: “Hey, wenn ich mal wieder frei hab, dann geh ich da hin.” Oder: “Wow, wenn ich dir hier in die Augen sehe, dann geht die Welt total für mich auf.” Wo wir uns gerade befinden, riecht es nicht immer gut (was bei mir heißt: nie). Es ist nur ein Ort, an dem man allem begegnen kannâⓚ¬Â¦ allem. Die U-Bahn.

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Millionen Schienen, Millionen Wagons, Millionen Menschen und Millionen Mal der Satz: “Einsteigen bitte, zurück bleiben bitte.” (Und wie oft haben wir es nicht mehr geschafft?) “Guten Tag, ich verkaufe die motzâⓚ¬Â¦” Mal ehrlich: wie guckt man da? Lächelt man den an? Streichelt man den Hund? Gibt man jedem was? Guckt man weg oder tut man so als habe man nichts gehört? Was würden sich die Leute wünschen? Na okâⓚ¬Â¦ klar, das Geld. Aber möchte man nicht auch einen Blick? Eine Reaktion auf das, was man soeben gesagt hat Oder lieber nicht, weil es ihnen selber unangenehm ist, dort zu stehen mit dem Hund und dem amputiertem Bein und jedes Mal mit der vom Alkohol und/oder Krankheit zerfressenen Stimme seinen Satz zu diktieren: “Kauft den Straßenfeger!?”

Alle reagieren hier andersâⓚ¬Â¦ Ich persönlich habe noch keine Reaktion mitbekommen die mir besonders gefallen hat, bei der ich sage: Ja, so muss ich mich nächste mal auch verhalten. Das mit dem Geld ist vielleicht nicht schlecht. Dann lächeln immer alle. Aber ich kann doch nicht jedem was geben, habe doch selber kaum genugâⓚ¬Â¦ Sicher, anderen geht es schlechter als mirâⓚ¬Â¦ wenn man also nur ein Bein und eine Augenklappe hat und sich nur an seinem Hund festhalten kann, ist das schon scheiße. Und doch – innerlich überfällt einen plötzlich die soziale Schiene. Diese Stimme, die einem die Finger jucken lässt. Dieser Oh-Effekt. Kennt ihr doch. Der kommt entweder bei kleinen Hunden oder kleinen Babys oder kleinenâⓚ¬Â¦ also ihr versteht, was ich mein. So was putziges, wo alle gleich in Ohnmacht fallen und nach ihrem Riechsalz greifen wollen. Die kommen aus dem Ohen nicht mehr raus. Diesen Effekt hat nur was kleines Niedliches oder etwas, was einem Leid tut. Man überlegt: “Mach ich’s, mach ich’s nicht? Kann ich mir dann noch die tolle neue CD von Tokyo Hotel kaufen oder zieh ich die doch wieder illegal, damit keiner merkt, dass ich die gut findeâⓚ¬Â¦ aber was, wenn jemand an meinen PC geht und sieht das ich das hör’? Dann ich bin doch gleich unten durch… Äh, worum ging’s noch mal? Ach ja: Um die motz! Mist, jetzt isser weg, der Arme mit nur einem Bein, der Augenklappe, dem Hund und dem Zettel, auf dem steht was er braucht, weil er nicht sprechen kann. Und wieder merkt man, dass man völlig beschissen drein geguckt hat, während der an einem vorbei gehumpelt ist und sich vielleicht gedacht hat: Geizkragen. Immer diese Blickeâⓚ¬Â¦

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Dann gibt es noch meine Lieblinge – die Exhibitionisten – die mir zeigen, dass keiner perfekt ist. So rein körperlich. Natürlich könnte ich das auch einfach haben, indem ich an den FKK-Strand spaziere, aber warum die Mühe machen? Die kommen doch zu mir. Entweder haben wir sie persönlich schon mal bestaunt oder nur von ihnen gehört. Wer sie noch nicht live performen gesehen hat, möge sich hier ein Bild von meinem machen.. Ich war erschrocken, als es mir passierte. Die U-Bahn ist wirklich ein Ort der Unmöglichkeiten. Und mal ehrlich – ich hab’s ihm schon angesehen, dass da was von dem kommt. Der hatte so einen Blick drauf. Entweder war er ein Anfänger oder sehr unsicher. Es war einer dieser Tage an denen nichts klappt und da baut so was richtig auf. Einer dieser Tage an denen es natürlich draußen regnet, sodass sich die Haare wieder kräuseln, an dem man schon die Treppe zweimal mal hoch und zweimal mal runter gefallen ist und man sich von dem Schaukeln der U-Bahn an die Zeit im Kinderbettchen erinnert fühlt und sofort einschlafen könnte.

Die Sitze waren nur halb besetzt, eine Gruppe Musiker gab ihr Bestes uns die alten Klassiker der Beatles wieder nahe zu führen und ob man’s glaubt oder nicht: Zu allem Überfluss stiegen gaaaaanz unauffällig ein Mann und eine Frau, er rechts von mir, sie kam von links in die Bahn, zu uns heiteren Gesellen in den Wagon. Es war eine Szene wie im Buch. Die ganzen üblichen Nasen, die einen sonst auf einer Fahrt durch ganz Berlin unabhängig voneinander begleiten und die Fahrt versüßen, treffen sich zufällig in einem einzigen Wagon. Zugegeben der humpelnde Straßenfeger-Verkäufer fehlte, aber das Bild war auch so köstlich genug. Man stelle sich nun also unseren FKK-Liebhaber vor, der noch nicht bemerkt hat, dass die Fahrkartenkontrolleure gleich sagen werden: “Schönen guten Tag, Fahrausweise bitte!” und dazu die sambatanzende Meute, die ihre Lieder freudestrahlend unters Volk bringen. (Die grinsen wirklich immer so.) Die Strecke, in der ich saß war recht kurz, die Kontrolleure kamen nicht mal bis nach hinten, da sie erst einmal die Tangotänzer beknieen mussten damit die aufhörten zu musizieren und ganz brav die Fahrausweise zeigten, dass sie meinen Exhibitionisten gar nicht bemerkten. Nun, ich konnte ihn nicht übersehen. Er stand vor mir.

Lüftete sein vor Angst und Kälte zurückgezogenes Pimmelchen unter seiner langen Winterjacke und versteckte es gleich wieder, weil wir am nächsten Bahnhof angekommen waren. (Ihr werdet euch wundern wo der seine Hose trug! Das die da noch gehalten hatâⓚ¬Â¦) Ich war so perplex, dass ich nur denken konnte: “Man jetzt hab ich meinen Fahrausweis zwar rausgeholt aber brauchte den wieder nicht. Die Schweine kommen nie bis zu mir. Wozu kauf ich mir eigentlich eine teure Bahnkarte?” Im Nachhinein ärgere ich mich noch mehr darüber. Ich hätte gern gesehen, wo der eigentlich seine Karte hatte und wie der die vorgezeigt hätte… Wenn er denn eine hatte. Ist vielleicht ein zusätzlicher Kick erwischt zu werden? Den nächsten frage ich einfachâⓚ¬Â¦

Fürs Erste wollen wir es nicht übertreiben. Es hat mich gefreut, euch etwas aus meinem Alltag nahe zu bringen. Ich bin für Anreize offen, die mir weiterhelfen den perfekten Blick aufzusetzen, um heil aus der Straßenfeger-Geschichte zu kommen. PS.: Ich bin kein Tokyo Hotel-Fan. (Merke schon die bösen Blicke von Marcel.)

Superdry

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7 Kommentare

  • Frank

    Hallo Jenny!
    Ersteinmal herzlich Wilkommen hier mit deiner Kolumne. Ich finde du hast einen schönen Anfang für deine ersten Zeilen gefunden, die immer schwer zu schreiben sind.

    Da ich eher aus einer Kleinstadt komme, kann ich nicht nachvollziehen, wie es so auf den U-Bahnstationen der Welt abläuft und auch die Exhibitionisten sind mir noch nicht unter gekommen.
    Aber ich finde es doch interessant und irgendwo skuril, was da laut deinen Beschreibungen abläuft.

    Ich hoffe mal, Du findest weiterhin Spaß hier zu schreiben, ich würde mich freuen.

  • also ich fahr auch gerne u-bahn. weil da erlebt man immer was und man sieht den menschlichen querschnitt. wenn mir eine solche zeitung anbietet, muss ich auch immer arg überlegen ob ich nicht ein kaufe. traurig eigentlich das ich es meistens nicht mache nur weil es mir vllt zu peinlich ist und weil ich dann immer denke: irgendwas hat dieser mensch wohl mal falsch gemacht in seinem leben. 90% davon sind doch sicher selber schuld an ihrem schicksal. hm, gruseliges kaltes denken.

    für die erste kolumne hier, sehr gut geschrieben. weitermachen ^^

  • Jenny

    weit verbreitet ist die annahme, auch wenn sie es dementieren, das das geld was man ihnen zusteckt versoffen wird. ich möchte es dann doch nicht unterstützen ihnen was zu geben nur leider kann man in die menschen nicht rein sehen und somit erfahren wie ernst das ist was sie sagen.

    vielen lieben dank für die netten worte und das nette aufnehmen^^. ich hoffe mir gehen die themen nicht so schnell aus damit es interessant bleibt XD

  • Das mit der Armut ist auch das Erste, das mir aufegfallen ist. Und das erste Bild berührt mich persönlich sehr (wobei hier Dein Foto etwas unpassend wirkt und das Ganze etwas komsich rüberkommt). Lustig, dass Du darüber schreibst, ich hatte heute erst das Bedürfnis, dazu etwas loszuwerden.

  • Jenny

    das bild von mir hat marci dahin getan (nur so zur verteidigung)
    ist wirklich etwas seltsam^^

  • Lizzy

    Hi jenny, willkommen! hab schon einiges von dir gehört – über n marci! Dein erster Text is echt gut geworden :-) weiter so!!! wohnst du schon immer in berlin? glg

  • Jenny

    schon immer und werd hier wohl auch nie rauskommen. hier trifft man so nette leute^^

ONLY