- Bahnhof

Die Luft hier draußen war ebenso stickig, wie die im Zug. Langsam stieg ich aus und verzog das Gesicht zu einer Fratze, als mir die Sonnenstrahlen in die Augen schossen.…

Bahnhof

Die Luft hier draußen war ebenso stickig, wie die im Zug. Langsam stieg ich aus und verzog das Gesicht zu einer Fratze, als mir die Sonnenstrahlen in die Augen schossen. Ein paar ältere, unsympathische Herrschaften schauten mich so dumm an, als hätte ich gerade aus Versehen meine wahre Gestalt präsentiert, die wohl direkt aus der Hölle gefahren war. Ihr dummer, kleiner, unglaublich hässlicher Dackel bellte mich an. Ich bellte zurück. Mindestens ebenso hässlich. Seit über zwei Monaten war ich nun nicht mehr an diesem gottverlassenen Bahnhof. Mitten in der Prärie. Seitdem ich mich dazu entschieden hatte, den Kontakt zu meiner besten Freundin abzubrechen. Zu der blöden Fotze. In die ich mich verknallt hatte. Umso länger ich nichts von ihr hörte, umso besser ging’s mir. Aber langsam hatte ich Sehnsucht nach ihr.

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Ana hatte sich nicht sehr verändert. Ihre blonden Haare waren ein wenig kürzer, aber abgenommen hatte sie nicht – gut so. Habe ich aber gehört. Sie lief mit dem Fahrrad neben mir her. Die scheiß Sonne brannte sich in meine Oberarme. Wir verstanden uns so gut, als wären wir erst gestern halbnackt zusammen im Bett gelegen. Von vielen Mädchen, mit denen ich eine Geschichte verbinde, sammle ich Fotos. Beziehungen, One-Night-Stands, krankhaftes, spontanes, unglaublich naives Rumgemache. All diese Erfahrungen stammen zwar aus verschiedenen Ebenen meines Lebens, aber dadurch habe ich das Gefühl, dass Bekannte mein Schlafzimmer bewohnen, die das Leid, die Freude, die Elektrizität des uns näher gebrachten Moments am besten verstehen. Die wissen, wie sie meine Aufmerksamkeit wecken können. Die mich so kennen, wie ich wirklich bin. Ich liebe die Gesichter dieser Mädchen.

Meinen Blick auf die Fotos von Ana zu richten, hatte ich tagelang gemieden. Obwohl sie mir direkt vor der Nase hingen. Sie verhöhnten mich. Aber abnehmen wollte ich sie nicht. Nicht aus Feigheit, nicht aus Faulheit oder weil ich nicht vergessen wollte. Sondern weil mich die Bilder in meinem Kopf eher beschäftigten. Die traurige, depressive Musik, die triefend meine dunklen Gedanken untermalte, wollte einfach nicht aus meinem Kopf. Wie sie in meinen Träumen starb. Wie andere Typen sie anfassten. Wie mich meine Exfreundin abholen musste, weil ich wegen ihrem blödem Gelaber Tränen in den Augen hatte. Dass ich ein schlechter Mensch wäre, hatte sie gesagt. Aber mein Kopf lernte aus den Erfahrungen. Und irgendwann fing er an, mir Fernsehstörungsbilder in den Kopf zu setzen, wenn so ein Gedanke im Anmarsch war. Wie bei einer Seifenoper, in der im entscheidenden Moment das Bild ausfällt. An einem regnerischen Nachmittag nahm ich die Fotos von der Wand. Dann kam Rock im Park und Ana war seitdem eher ein nagender Gedanke, als eine wirkliche Person.

Und das war sie auch noch, als wir an diesem Tag im Lidl Multivitaminsaft kauften. Als wir im Bett “40 Tage, 40 Nächte” ohne Hintergrundmusik ansahen. Als wir bei der Hitze auf einer Bank saßen und den glitzernden Bach beobachteten. Selbst als sie mir erzählte, dass sie Sex mit einem anderen Jungen hatte, kochte mein Blut nicht über, liefen meine Gedanken nicht Amok, platzte mir nicht die Hose. Ana war nicht mehr die Ana, wegen der ich so wehmütig und depressiv war. Sie war überwiegend wieder das, was sie letzten Sommer für mich war, als wir uns am Baggerweiher gebraten hatten. Eine gute Freundin, meine gute Freundin. Ihre Fotos habe ich immer noch nicht wieder aufgehängt. Aus Voraussicht. Falls im falschen Moment mal jemand vergisst, den Störungsknopf zu drücken.

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14 Kommentare

  • Freut mich das du dich mit ihr wieder versöhnt hast! Tut schon gut eine beste Freundin zu haben, weis ich aus eigener Erfahrung.

  • Hm, diesen Beitrag musste ich zweimal lesen um dahinter zu steigen. Lag wohl daran das Simpsons im Hintergrund lief. Ich bekenne mich dazu das ich auch einen solchen Störungsknopf habe, auch liegen bei mir noch Bilder von meiner Exfreundin rum. Diese Bilder sollten nach meinen Umzug diesen Jahres eigentlich aufgehangen werden und jetzt liegen sie bedeckt in meinem Chaos rum. Ich hab ein schönes Portemonai, sie hat es mir mal geschenkt, es ist ein Foto von ihr drin. Ich benutze es nicht mehr. Wir reden noch manchmal mit einander, unwirklich aber freundschaftlich. Kennen uns ja auch schon lange. Immer wenn ich zum Strand fahre, komme ich an ihrem Haus vorbei. Es kommt mir vor als wenn ich zu Hause bin. Inzwischen lasse ich alles hinter mir, fange an alles gar nicht mehr so schlimm zu finden, auch ohne Musik und manchmal auch ohne Störungsbilder.

  • Marcel

    Hoizge: Tut schon gut eine beste Freundin zu haben.

    Kann aber auch, wie erlebt, viele Probs mit sich bringen. Aber ich hoffe, das bei mir war’n EInzelfall.

    Marten: Inzwischen lasse ich alles hinter mir, fange an alles gar nicht mehr so schlimm zu finden, auch ohne Musik und manchmal auch ohne Störungsbilder.

    Wie sagt man so schön: Zeit heilt alle Wunden. Hoffentlich.

  • René

    So wie sich das ganze liest war das wohl eine harte Zeit für dich. Umso besser das du es mehr oder weniger hinter dich bringen konntest.

  • Wow, ich weiß nicht, ob ich das könnte. Von euch beiden nicht. Aber schön, dass es geht :) Gibt mir ein bisschen Hoffnung, auch wenn ich glaube, dass es bei mir nicht so toll laufen wird. Aber andere Situation und andere Geschichte ;)

  • Bei mir ist es nun auch schon knapp ein Jahr vorbei und mein Störungsknopf scheint irgendwie defekt… der ist eingerastet und macht mich wahnsinnig :(

  • hannah maria

    ach scheisse…liebekummer ist einfach kagga, aber sowas muss man mal mitgemacht haben…das kann man dann gut für seine nächste grosse liebe gebrauchen..man lernt aus fehlern…..und man muss da einfach durch, egal wie scheisse das ist…..

  • Klar lernt man da raus. Aber wünsche tu ichs keinem. Aber was klar ist: man wächst dran….

  • Marcel

    René: So wie sich das ganze liest war das wohl eine harte Zeit für dich.

    Naja, es hielt sich eigentlich in Grenzen. Ich hatte schon mal schlimmeren Liebeskummer. Andere Mädels hätte ich einfach in den Wind geschossen und ich hätt mir ‘ne neue geschnappt. Nur weil sie halt meine beste Freundin war und ich sie in der Hinsicht ja nicht verlieren wollte, war’s ziemlich kompliziert. Aber was einen nicht umbringt… ;)

    Jules: Gibt mir ein bisschen Hoffnung

    Dafür sind wir doch schließlich da ;)

    Dominik: Bei mir ist es nun auch schon knapp ein Jahr vorbei und mein Störungsknopf scheint irgendwie defekt… der ist eingerastet und macht mich wahnsinnig :(

    Ich hatte auch schon mal ein Jahr lang den derbsten Liebeskummer. Sobald dir ne gescheite Neue vorbei läuft, geht der schneller vorbei, als du dich versehen kannst.

    hannah maria: ach scheisse…liebekummer ist einfach kagga

    Lol, du bist so geil ey

    Jules: man wächst dran….

    Und das ist schließlich das Wichtigste an der Sache.

  • Baoh wie kannst du nur um die Uhrzeit als normal arbeitender Mensch schon rumkommentieren. Ich komme grade von der Nachtschicht zurück und muss erst in den Schlaf finden. Hannah ist wirklich top und vor allem rethorisch gesehen ein As :) weiter so. Heute kommt doch die neue Kolumne, cool.
    Und du Marcel halt einfach die Ohren steif.

  • Marcel

    Marten: Baoh wie kannst du nur um die Uhrzeit als normal arbeitender Mensch schon rumkommentieren. Ich komme grade von der Nachtschicht zurück und muss erst in den Schlaf finden.

    Lol, ich bin eigentlich alles andere als normal arbeitend. Ich hab Arbeitszeiten, da würdest du glatt in ne Gewerkschaft rennen und dagegen protestieren ;) Na dann wünsch ich feuchte Träume.

  • So, eindeutig genug geschlafen. Draußen scheint die Sonne so schön.

    Marcel:Ich hab Arbeitszeiten, da würdest du glatt in ne Gewerkschaft rennen und dagegen protestieren ;)

    Arme Sau ^^

  • Arbeitszeiten? Gibts noch was anderes? Ich hab mal läuten hören, dass es sowas wie Freizeit geben soll, aber das hat sich bei mir nicht vorgestellt…. :D

  • Marcel: Ich hatte auch schon mal ein Jahr lang den derbsten Liebeskummer. Sobald dir ne gescheite Neue vorbei läuft, geht der schneller vorbei, als du dich versehen kannst.

    Hm, Liebeskummer ist das falsche Wort. Eher Angst um den Menschen, dessen Leben man versaut hat…

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