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Als ich dem Pizzaboten die Tür öffne, schaut er mich zuerst seltsam an und sagt dann: “Ein Klassikfan, wa?” Verdutzt nicke ich, nehme die Pizza und stelle sie neben den Teller mit den verbrannten Bratkartoffeln, die der ungenießbare Grund dafür waren, mir etwas vom Italiener zu bestellen. Klassik. Das einzige, was hier drin klassisch war, war das alte Geschirr und die im Hintergrund laufende “Stolz und Vorurteil”-Verfilmung mit der bezaubernden Keira Knightley.
Ein wirklich schöner Film, auf dem ich scheinbar gerade etwas hängen geblieben bin. Jedenfalls wenn es um die Sprache und die ausgewählte Wortwahl geht. Da wird einem erst bewusst, wie verhunzt die heutige deutsche Sprache doch ist, wie traurig das Ganze doch ist. Poesie in der Wort- und Schriftwahl ist wichtig. Ich spreche nicht von dieser peinlichen, langweiligen, billigen, ätzenden Schul- und Schundromanpoesie, sondern von bedachten kraftvollen, ehrlichen Worten, die einzig und allein aus dem Grund entstehen, um Menschen und Herzen zu bewegen, zu führen, ja, zu verzaubern. Ich möchte zumindest einen Teil davon bewahren.
Und jetzt gehe ich besser zu Bett (seht ihr, ich habe “zu Bett” gesagt!), bevor die Drogen nachlassen, die mir anscheinend gerade diesen grammatikalischen Höhenflug verschaffen. Wer weiß, was auf dieser Pizza Speciale wirklich so alles drauf war.. Ach ja, und der Soundtrack von dem Film war auch echt geilo. Oh je, sie lassen schon nach..
Das ist alles nur geklaut, wuuuhuu wuuuhuu.. Musik ist etwas Tolles, das Tollste vielleicht überhaupt. Die Texte, die Melodien, die Instrumente, das alles lädt zum Träumen ein, zum Nachdenken - Augen zu und ab in die Traumwelt, der eigene Soundtrack ist der wichtigste deines Lebens, immer aktuell, immer ein Lied weg und eins dazu. Das offizielle AMY & PINK Muxtape. Wird aktualisiert, wenn ich Bock drauf hab.
Vice, NEON und Blond. Lieblingszeitschriften. Ganz einfach. Aber bei der letzten gehen anscheinend gerade die Lichter aus, kurz nach dem Relaunch, kurz nach der Preissenkung. Die Redaktion hat wohl keinen Bock mehr, die Leser rebellieren und die Verantwortlichen sind zu feige, öffentlich dazu Stellung zu nehmen. Ob der ewige Kampf NEON vs. Blond damit endgültig entschieden ist? Traurig ist das, echt traurig.
Hektisch durchwühle ich die Hosentaschen, den Geldbeutel und meinen Rucksack. Irgendwo muss ich doch noch Kleingeld haben. Schließlich habe ich ungeheuren Hunger. Auf einen Döner. Bei meiner Lieblingsdönerbude. Mit Kräuter- und Knoblauchsauce. Ist mir doch egal, ob ich stinke. Mich muss heute ja niemand mehr riechen. Auch nicht das blonde Ding, was mir da vorne auf der Straße entgegen kommt. Beim Vorbeigehen schaue ich ihr tief in die Augen. Dabei muss ich immer daran denken, dass meine Arbeitskollegin Kathi so ein Augenfetischist ist. Sie steht auf Augen. Aber deshalb mache ich das nicht. Mich interessiert die Reaktion meines Gegenübers. Schaut sie zur Seite, nach unten, hält sie dem Blick stand? Mein blonder Mitmensch schaut im letzten Augenblick nach unten. Ich auf ihre Nase. Und mein Gehirn haut einen Begriff hinaus: Ostmädchen.
Das ist in Berlin zu einem meiner Hobbys geworden. Denn was macht jemand hier, der 1. ein Typ und 2. nicht schwul ist? Genau: Hübsche Mädels anschauen. Interessante Menschen studiere ich mit meinem Blick ganz genau. Alle anderen bestrafe ich mit königlicher Missachtung - oder habe sie einfach nicht gesehen. Ostmädchen. Die haben meistens so eine kleine, etwas nach oben gestülpte Stupsnase, mit erweiterten Poren und Sommersprossen. Mädels aus dem Westen haben dagegen Nasen, die parallel zum Boden gehen, lang, mit schnittigen Nasenlöchern. Wenn sie diese nicht gerade gen Himmel hieven, um zu verdeutlichen, dass sie eben nicht aus dem Osten kommen.
Kann ein Zugezogener das so erkennen, ja gleich verallgemeinern? Entfache ich damit erneut den Ost/West-Konflikt? Ist das etwa schon rassistisch? Ana hatte eine noch ausgeprägtere Ostnase, sie kam aus Kasachstan. Ich versuche meine Theorie weiter zu führen, sehe mich schon fast bei “Wetten, dass…”, aber dann winkt mein Gehirn stöhnend ab und lässt meine Hand in die geheime Innentasche meines Portemonnaies fahren. Ich finde 2,50 Euro. Wow, genau passend. “Einen zum Mitnehmen, bitte!” Das Mädel neben mir wartet ebenfalls auf seine Bestellung, schaut dabei den Dönermann aber so ignorant und hochnäsig an, dass mein Gehirn einfach nicht anders kann: Westmädchen.
Der wohltuende Sonnenschein hat sich in plätschernden Regen verwandelt. Wolken verdunkeln den Himmel und ich muss an dich denken. Daran, was wir doch noch alles vor hatten auf dieser Welt. Wir wollten den fetten Panda im Kino ansehen, wir wollten London unsicher machen, wir wollten noch so oft vom vielen Rotwein betrunken in den Armen des anderen einschlummern. Und jetzt? Ich lasse den Song laufen, den wir einmal die ganze Nacht durchgehört hatten, weil wir zu faul waren aufzustehen. Wo bist du denn jetzt, frage ich mich. Geht’s dir gut? Lachst du? Weinst du? Bist du jetzt ein irrer Geist, der auf irgendeinem Schloss rum spukt? Ein kleiner Quälgeist warst du schließlich schon immer. Du hast einen immer auf Trab gehalten und das vermisse ich jetzt…
Ob es für mich eine Chance gibt, dich jemals wieder zu sehen? Manchmal würde ich dich am liebsten anschreien.. wie du dir nur erlauben konntest vor mir abzukratzen. Bei dem Gedanken bekomme ich Kopfweh. Ich hab geschrien, ich hab geheult, ich hab akzeptiert, ich hab gekotzt - ich habe alles durch und trotzdem will sich diese Leere, die du hinterlassen hast, kein Stückchen füllen. Aber ich weiß, egal wo du jetzt sein magst, du bist seitdem mein Schutzengel. Und das lässt mich wieder hoffen und lächeln. Du blöde Kuh, wieso musstest du nur sterben…
Marcel Winatschek lebt in Berlin und arbeitet dort als Webdesigner bei der renommierten aperto AG. Er ist süchtig nach digitalem Design, Apfelschorle und Käsekuchen. Nachts springt er entweder durch die Stadt, arbeitet als freier Schreiberling, entdeckt Monkey Business in seinem Schlafzimmer, umarmt Menschen, hasst Menschen, erschreckt Menschen, bewirft Emos mit nach Pfirsich schmeckenden Donuts in einem naheliegenden Coffee Shop oder macht andere heitere, gesunde Dinge.