Lost In Translation
Foto: Antidote
Antidote
Lost In Translation
Meltem Toprak  /  Freitag, 7. Oktober 2011

Zur Dartscheibe der Mode wurde erneut eine im Stich gelassene und unverstandene Randgruppe der Gesellschaft. Letztes Jahr erst ließen sich die frivolen Figuren der Modewelt von einem chinesischen Obdachlosen inspirieren. Zum „Homeless Chic“ wurde der Look getauft, und von zahlreichen Opfern dumpf interpretiert und umgesetzt.

Selbst Designer, die fälschlicherweise als Künstler tituliert werden, stahlen die Einzigartigkeit eines Menschen und machten sie bühnentauglich. Mit funkelnden Dollarzeichen in den Augen. „Brother Sharp“, gern auch „Beggar Prince“ genannt, wurde, nachdem er zufällig fotografiert wurde, zu einer Stil-Ikone, ohne zu wissen, was eigentlich vor sich ging.

Der Mann ohne Obdach, ohne Geld für Essen, wurde für seine Kleidung, die nichts als Funktion erfüllen sollte, als Avantgarde gefeiert. Die zahlreichen Obdachlosen, an denen wir jeden Tag, ohne Beachtung zu schenken, passieren, wurden dieses Mal nicht ignoriert. Nein, der frivole Teil der Modewelt, war ein Weltverbesserer.

Antidote - Lost In Translation

Doch durch die Presse wuchs die Neugier. Ein Stück Menschlichkeit war zu den Menschen zurückgekehrt. Wer ist überhaupt der Mensch, der diese Kleidung trägt? Was hat er für eine Geschichte? Cheng Guorong schien den Tod seiner Eltern nicht verkraftet zu haben. Wo er heute ist, was er heute trägt, geschweige denn, was er heute fühlt, ist schon längst nicht mehr interessant. Der Grunge-Look ist nicht mehr angesagt, und was einer dieser Obdachlosen eigentlich für eine Geschichte erlebt hat, schien sowieso noch nie jemanden zu interessieren. Oder was ist der Grund dafür, dass sie immer allein sind?

Das neuste Editorial von Fashion Bungling Social Commentary für das französische Magazin Antidote schien daraus nichts gelernt zu haben. Selbst Styleite zeigt sich hierüber empört und macht in diesem Kontext auf Armut aufmerksam. In ihrer aktuellen Bildserie wird ein Model in der Umgebung eines Obdachlosen inszeniert. Sex sells. Aber nicht immer, anscheinend. Da ist wohl jedes Mittel recht.

Im Lagenlook, mit zerzaustem Haar auf Pappkarton an einem Baum. Da hat sich das Team samt Fotograf und Stylist wahrlich originalgetreu von der Wirklichkeit auf den Straßen inspirieren lassen. Nur ist es ein Model, das wir hier sehen und nicht ein Kunstprojekt. Und wahrscheinlich hat dieses bezahlte Mädchen, das nicht allzu gern in „Lost in Translation“ nachdenkt, und in ihrem Leben dieser Bildserie damit beschäftigt ist, roten Lippenstift aufzutragen, wohl doch mit den Leidenden dieses Systems eines gemeinsam: Sie ist ein Teil einer sehr armen Gesellschaft.

Antidote - Lost In Translation

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Über die Autorin

Meltem Toprak studiert Kunstgeschichte und Germanistik an der Goethe-Universität in Frankfurt. Die in Deutschland lebende Alevitin wurde von den üblichen Psychopathen in der Schule, ihrem Sportvereinen und ihren Aushilfsjobs sozialisiert. Ihre einzige Therapie zur Heilung ist das Schreiben. Über die Kunst. Und die Mode. Und die Literatur. Alle Artikel von Meltem lesen oder eine eMail schicken.

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