Ich hab jetzt Drum ‘n’ Bass
Infiziert
Ich hab jetzt Drum ‘n’ Bass
Wenke Walter  /  Freitag, 26. August 2011

Am Anfang wurde mein gelebter Soundtrack mit Hip Hop, ein bisschen Reggae und später elektronischer Musik gefüllt. Ich sog alles, was nicht bei drei auf dem Baum war, wie ein Sound-Junkie auf und füllte meine Blutbahn täglich mit neuem musikalischen Input. Die Musik, die ich für meine zwei Ohren auswählte, floss seitdem unaufhörlich durch meinen Kopf. Doch dann passierte etwas, was mir selbst noch wie ein unaufgeklärtes Rätsel erscheint. Ein Wunder.

Vor einiger Zeit fing ich mehr oder minder freiwillig an auf Drum-’n'-Bass-Partys zu gehen. Um ehrlich zu sein wurde ich mitgeschleift und fühlte mich während des gesamten Rauschfestes nicht wirklich wohl. Lustlos hockte ich wie der mies gelaunteste Anti-Partygänger auf der ganzen Welt in der Ecke und beglotzte das Abgeh-Publikum mit meinem leeren Ich-gucke-heut-wie-ein-Fahrrad-Blick.

Im Nachhinein gebe ich ehrlich zu: Das war wirklich nicht schön. Doch ich tat es immer und immer wieder. Bis zu diesem einen bestimmten Abend, an dem das Fass anfing überzulaufen. Innerlich sagte ich mir: Okay, Wenke. Entweder ich werde heute anfangen Drum ‘n’ Bass zu feiern und den Laden von rechts nach links auseinander nehmen oder ich gehe nie wieder auf eine Veranstaltung, die auch nur die Silbe Drum enthält. Es kam wie es kommen musste.

Mein Blut schoss schneller durch meine Beine als erlaubt, mein Kopf glich einem rostigem Medizinball. Meine Freundin riss mich auf die Tanzfläche und zeigte mir den Step, der mein Leben verändern sollte. In Ordnung, eigentlich forderte sie mich erst einmal dazu auf zu springen. Aber nicht einfach so, sondern zum Takt. Also sprang ich wie ein fröhlich bekokster Osterhase hoch und runter, bis ich endlich auf den Trichter kam, wie die ganze Sache eigentlich von statten gehen soll.

Plötzlich hatte ich den Dreh raus und tanzte zu Drum ‘n’ Bass wie Michael Jackson zu seinem verdammten Geniestreich “Billie Jean”. Ich befreite mich aus meinem selbsterschaffenden Gefängnis und spürte das pure Glück. Doch Drum ‘n’ Bass hatte mich noch nicht richtig. Ich war zwar infiziert, aber noch nicht ernsthaft krank. Vergangenes Wochenende sollte sich das ändern.

Das belgische Ausnahmetalent Netsky stattete der Hauptstadt einen Besuch ab und machte das Icon zu der heißesten Sauna aller Zeiten. War ja klar, dass ich mir als kleiner Frischling den feucht fröhlichen Schwitzsport nicht nehmen lassen wollte. Gerade auch weil der Belgier mit seinen 21 Jahren zu den bekanntesten Vertretern der Szene gehört und mir mit seinen einprägsamen melancholischen Melodien fast das Herz aus der Brust riss. Die wilde Meute sprang, tanzte und feierte dieses junge Genie bis zur atemlosen Erschöpfung. Das Glück flog unaufhörlich durch den Club und fütterte die Menge bis sie fertig und satt war.

Nach dieser Nacht war ich so voller Erfüllung, dass Schlafen keine Option war. Alle möglichen Tunes und Melodien strömten durch meinen geschafften Körper und ließen mir einfach keine Ruhe. Und dann gab mir ein neugefundener Freund etwas ganz Besonderes. 14 Gigabyte puren Drum n Bass. Dieses frische Material pumpte ich mir dann etwas später aber mal so dermaßen überdosiert in die Birne, dass mein Kopf kurz vor’m Platzen war. Wie ein bekloppter Duracell-Hase sprang ich durch meine Wohnung und brüllte unaufhörlich in die Boxen wie nichts Gutes. Ich verlor offensichtlich meinen unterschätzten Verstand und merkte es auch noch.

Unglaublich wie mich diese neue Art von Musik ergriff, vom Boden riss und schließlich mein Herz zum Explodieren brachte. Ich atmete wie ein Asmathiker nach einem 10.000-Meter-Lauf. Ich weinte und lachte zugleich. Ich sage das wahrscheinlich nur einmal in meinem gesamten Leben: Ich habe mich noch nie so sehr in der Musik verloren wie an diesem besagten Tag. Es war Magie, denn ich spürte, wie diese unglaublich schönen Kompositionen meine Seele berührte und mich auf eine unbeschreiblich lange und tiefe emotionale Reise nahmen. An einen Ort, an dem ich bisher noch nicht war, weil ich vor ihm Angst hatte, dass er mir wehtun könnte. Das kann er auch, das weiß ich jetzt. Ich bin infiziert. Ich bin krank. Ich hab Drum ‘n’ Bass. Das kann man nicht mehr heilen.

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Über die Autorin

Wenke Walter lebt in Berlin-Kreuzberg und postet privat auf WENKEWHO. Ohne gute Tracks ist das Leben der dezent wahnsinnigen Hobby-ADHS-lerin völlig sinnlos. Genau deswegen kompensiert sie ihre Sucht nach Hörorgasmen auch pausenlos mit dem Versuch, endlich die Kunst des Schweigens zu erlernen. Ihre Zauberformel lautet: Schreiben. Alle Artikel von Wenke lesen oder eine eMail schicken.

19 Kommentare

  • wolke sagt...

    hach ja. trommelbass ersetzt bei mir seit 12 jahren jedes sportprogramm ^^

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  • bambam007 sagt...

    Guter Text zu guter Musik – bin auch erst vor ca. 6 Monaten auf den Zug aufgesprungen und bin begeistert. Während ich zwar immer noch gerne Hip Hop, Electro, House und Rock höre ist DnB einfach omnipräsent in meinem Kopf gespeichert und kann nie wieder gelöscht werden – Danke Dimi übrigens, dass du mich damals auf dieses Phänomen aufmerksam gemacht hast!!
    Endgut !! :)

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  • Wenkefan sagt...

    Genial! Mal wieder.

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  • Gianna sagt...

    Ich glaube diesen Text können nur Menschen verstehen, die auch infiziert sind. Und dann ist er um so schöner zu lesen. :) Erste Sahne.

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  • mc fat sagt...

    unecht

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  • Subsystem sagt...

    daumen hoch für diesen text ..

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  • wenn dir jetzt drum & bass gefällt, dann hör dir mal an was in sachen dubstep grad so aus UK kommt… nero, modestep, chase & status, flux pavillon, usw… da zieht’s dir dann richtig die schuhe aus… ich war vor 2 wochen auf der sonne mond und sterne im d&b zelt und da lief nur so geiles zeug… ich glaub ich bin mit nem übelst fetten grinsen heim gefahren ^^

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  • elv sagt...

    Wird ja auch mal Zeit, dass es
    Wieder mehr dnb Partys gibt und dieser minimalschmutz verschwindet. Vielleicht erbarmt sich dann auch mal wieder das Watergate zu DnB.

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  • ... sagt...

    höre jetz auch shcon ne weile dnb und muss sagen, die musik hat sich in letzter zeit weiterentwickelt, aber zum positiven. ist etwas melodisch-ravig-poppiger geworden, aber das kommt auf dem dancefloor auf jedenfall gut. netsky ist einer meiner lieblinge, genauso wie camo & krooked, aber auch high contrast und state of mind find ich richtig gut.

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  • Besser spät als nie ^^

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  • drallex sagt...

    @Nils Redecker hrhr.

    Um mal kurz klugzuscheißen. Netsky macht Liquid Funk, was natürlich zu DnB(Unterkategorie) gehört. Und Netsky ist einfach ein Gott. Ich höre mittlerweile gute 2 Jahre intensiv DnB und Dubstep und bissl goa und muss einfach sagen, dass es einfach die besten Parties sind, die ich bisher erlebt habe. Nirgendwo wird so hart getanzt und ausgerastet. Und es macht einfach nur Spaß, wenn dir der Bass in die Ihren wummst.

    Wenn du Netsky magst dann zieh dir auf jedenfall Künstler wie: Ghost&Misty, Bachelors Of Science, Commix, MIstabishi, alles von Hospital Records, London Elektricity, Redeyes, UTAH JAZZ!!, Alix Perez, Atlantic Connection, ATP, Mutt, Aperture rein!

    ;)

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    Wenke sagt...

    Danke ein paar davon hab ich schon verschlungen :-)

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  • Tanja sagt...

    Ach ja, da war ich auch letzten Samstag. EIn Traum. Ich bin seit einem Jahr infiziert. Und das kam auch so plötzlich. Auf einmal merkt man einfach wie einen stundenlanges Hüpfen und Hämmern total glücklich macht und man nicht aufhören kann. :)

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  • Wumse sagt...

    unecht²
    kann hier auf der seite keine texte mehr lesen. ich hasse euch alle!

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    Sina sagt...

    Dann lass es doch einfach ;D

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  • Sina sagt...

    Na die 14 GB hätte ich auch gerne :D

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  • Dennis sagt...

    Wenn du auf dnb stehst, solltest du unbedingt am 02.10. in Bremen auf die Dreamland vs. Freudenhaus gehen.
    Super Lineup und die Party ist deutschlandweit dnb und junglefans ein Begriff

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  • [...] Monate erlebt habe. Seitdem ich vor fast 5 Monaten nun schon vom Drum ‘n’ Bass infiziert wurde, schenkte mir das Icon mit seinen wöchentlichen Samstagsveranstaltungen einen schon fast [...]

  • quietschbunt sagt...

    Ohja, Dreamland in Bremen ist wirklich das mit Abstand beste Event, dass man sich gönnen muss.

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