Dov Charney und das Mädchen
American Apparel
Dov Charney und das Mädchen
Marcel Winatschek  /  Mittwoch, 9. März 2011

Ich bin seit jeher ein großer Fan von Männern, die aus narzisstischer Kraft und einer Prise Krea­ti­vi­tät etwas Eigenes geschaffen und das ökonomische Umfeld aufgrund ihrer Andersartigkeit über den Haufen geworfen haben. Natürlich wegen der Vorbildfunktion, die sie für mich darstellen. Weil sie meinen Traum leben. Steve Jobs mit Apple. Karl Lagerfeld mit sich selbst. Und Dov Charney mit American Apparel.

Die letztere Firma galt für mich immer als Paradebeispiel der “Fuck You”-Lebensart. Nicht weil ich die Klamotten besonders toll fand. Oder nur wegen den nackten Mädels auf den Plakaten. Sondern weil das Unternehmen ganz der Strichführung von Dov Charney unterlag, der wortwörtlich auf die konservativen Regeln der Modebranche geschissen hat und das tat, was er für richtig hielt.

Mit Kampagnen wie Legalize LA und Legalize Gay setzte sich der gebürtige Kanadier für die Rechte von amerikanischen Einwanderern und Homosexuellen ein, deren T-Shirt-Erlöse an Hilfsorganisationen gingen. Er zahlte seinen Mitarbeiten ein überdurchschnittlich hohes Gehalt, durchbrach gekonnt die Grenzen zwischen Seriosität und Pornografie und zog auch schon mal selbst blank, wenn es denn sein musste.

American Apparel

Dass Dov Charney eine perverse Sau ist dürfte kein Geheimnis mehr im Modezirkus sein. Das ist das gleiche Spiel wie bei Terry Richardson und macht ihn mir auch tatsächlich sympathischer. Vorwürfe der sexuellen Übergriffe gab es zuhauf, die Mischung aus jugendlichen Amateurmodels und professionellen Pornodarstellerinnen in den hellen Anzeigen formt das Bild. Doch jetzt hat er es wohl endgültig übertrieben.

Irene Morales aus Brooklyn war Mitarbeiterin in einem American-Apparel-Store und verklagt dessen Chef nun auf 250 Millionen Dollar. Der 42-Jährige soll die Schülerin kurz nach ihrem 18. Geburtstag zu sich nach Hause eingeladen und dort mehrere Stunden sexuell missbraucht haben, nachdem er sie zuvor permanent gestalkt und zu Nacktfotos gezwungen hat.

Sollte das New Yorker Gericht dem Teenager Recht geben, wäre dies wohl das Ende für American Apparel oder zumindest seinen CEO. Denn nachdem das Unternehmen dank Missmanagement seit Jahren keinen Gewinn mehr einfährt, spekuliert die Branche über einen baldigen Abgang von Dov Charney, wenn das Modelabel nicht mit ihm gemeinsam untergehen möchte. Und das wäre ja dann doch irgendwie tragisch.

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Über den Autor

Marcel Winatschek lebt in Berlin und ist Chefredakteur bei AMY&PINK. Seine meist etwas abstruse Persönlichkeit setzt sich in gleichen Teilen aus Charakteren in TV-Serien, Sprüchen ehemaliger Sportlehrer und Traumfantasien mit japanischen Karate-Kämpferinnen zusammen, dessen Summe er in einer einmaligen Art und Weise als selbstständigen Menschen ausgibt. Alle Artikel von Marcel lesen oder eMail schicken.

2 Kommentare

  • Lui De sagt...
  • Max sagt...

    Dass AA seit “Jahren” keinen Gewinn mehr einfährt, ist falsch.
    Bilanz 2009

    2009: 1,1 Mio $ Net Income
    2008: 14,1 Mio $
    2007: 15,5 Mio $

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