Rebellion der japanischen Jugend
Tokyo Freeters
Rebellion der japanischen Jugend
Marcel Winatschek  /  Mittwoch, 9. Februar 2011

Keine andere Nation der Welt hat die Tugenden und Pflichten einer hart arbeitenden Gesellschaft so sehr verinnerlicht wie Japan. Die Generation des Babybooms, die vor einigen Jahrzehnten auszog, um aus eigener Kraft etwas zu erschaffen, brachte dem Land Reichtum, wirtschaftliche Größe und Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Sie tauschten Individualität und Freiheit gegen feste Arbeitsstrukturen und seelische Selbstaufgabe, Konzerne wurden zu Familien, Kollegen zu Brüdern und Schwestern.

Wer nicht arbeitet, der ist quasi nicht existent. Karriere ist alles, die Firma ist alles, Konsum ist alles. Doch mit der heute heranreifenden Jugend hat das Land der aufgehenden Sonne immer größere Probleme, diese ihrer Meinung nach falschen Werte aufrecht zu erhalten. Sie rebellieren gegen das veraltete System der tadellosen Eingliederung und grenzen sich von ihren positionsgierigen Mitbürgern ab.

Dieser Antikultur folgend haben sich drei verschiedene Arten von Menschen gebildet, deren scheinbarer Wert pro Klasse rapide absteigt und deren Position nach unten hin proportional mit der Chance auf Selbstmord ist. Während diejenigen an der Spitze stehen, die es durch Konkurrenzdenken und gute Noten geschafft haben, sich einen festen Platz in Firmen und Konzernen zu sichern, sind viele anders denkende Bürger gezwungen, ihr Dasein als “Freeter” oder gar “NEET” zu fristen.

Vom Rest der Gesellschaft verstoßen, halten sich Freeters mit Zeitarbeit und Gelegenheitsjobs über Wasser – NEETs verweigern sich einer Anstellung völlig. Mit ihnen hat sich eine wachsende Unter­grund­bewegung gegründet. Weil die jungen Aussteiger fast kein Geld zum Leben haben, hausen sie als Net Refugees in rund um die Uhr geöffneten Internet-Cafés, geben sich der Kunst hin, schreiben Bücher.

“Ich war selbst einmal ein Freeter”, erzählt uns Karin Amamiya, ehemalige Sängerin der Punk-Rock-Band The Revolutionary Truth und Gesicht der neuen japanischen Arbeiterära. “Diese Zeit war für mich emotional sehr belastend. Ich war eine Wegwerfangestellte und jederzeit ersetzbar. Ich hatte kein Geld und war psy­chisch instabil.” Im Alter von 25 Jahren veröffentlicht sie ihr erstes Buch: Einen Bericht über Selbstmord.

“Ich hatte miterlebt, dass sich viele umbrachten. Dabei handelt es sich nicht um ein individuelles Problem, sondern um eines der japanischen Gesellschaft.” Karin setzt sich zusammen mit der Vereinigung der Freeters dafür ein, dass das Schwarz-Weiß-Denken der Öffentlichkeit ein Ende findet und psychischer Karrieredruck, exzessiver Konsumrausch und Arbeit bis zum Umfallen bald der Vergangenheit angehören.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis maßlose Globalisierung und wirtschaftliche Unterdrückung zu einer Gegenbewegung der Jugend führte und ein System, das sich ganz der wirtschaftlichen Aufopferung widmete, ins wanken brachte. Interessant daran ist auch, ob sich solch eine Rebellion gegen festgefahrene Formen der Ökonomie auch in Deutschland ereignen könnte oder ob der Jugend in unserem Land einfach die Mentalität und der Mut dafür fehlen. Wir schätzen eher letzteres.

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Über den Autor

Marcel Winatschek lebt in Berlin und ist Chefredakteur bei AMY&PINK. Seine meist etwas abstruse Persönlichkeit setzt sich in gleichen Teilen aus Charakteren in TV-Serien, Sprüchen ehemaliger Sportlehrer und Traumfantasien mit japanischen Karate-Kämpferinnen zusammen, dessen Summe er in einer einmaligen Art und Weise als selbstständigen Menschen ausgibt. Alle Artikel von Marcel lesen oder eMail schicken.

7 Kommentare

  • icke sagt...

    den bezug zur deutschen jugend find ich ja nicht richtig …
    gegen was sollen die sich denn auflehnen, gegen das wertesystem der eltern ?
    machen doch schon alle, in dem sie laienschauspieler bei rtl werden oder rumgammeln, hier brauch keiner rebellieren, im großen und ganzen kann man hier doch machen was man will …

  • Johanna sagt...

    wie krass, das hab ich genau so empfunden, als ich da war, und mich damals schon gefragt, wie die das aushalten, und warum sich nicht endlich mal jemand wehrt und nach Freiheit ruft! Ich hoffe, da tut sich was!

  • Hauke sagt...

    Naja ich war in Japan und China. Da ist das ganz anders die haben sich aufzuopfern.
    Hier in Deutschland kann man verglichen mit Japan rumhängen wie man möchte.

  • Martin sagt...

    Ähm, schön das wieder über die “maßlose Globalisierung” gemotzt wird, aber was hat das mit der allgemeinen Arbeits- und Lebenseinstellung der Japaner zu tun?
    Man sollte solche Schlagworte nicht immer einfach in den Raum werfen, nur weil es gut klingt und hip ist.

    Sonst kann ich mich nur anschließen, gegen was sollte sich die Jugend in Deutschland auflehnen? Unterirdische Bahnhöfe, überirdische Stromleitungen, Windräder oder den Abriss denkmalgeschützter Gebäude?

    Marcel sagt...

    Schau dir erst mal die Doku an, dann können wir weiter reden.

  • René sagt...

    …weit über 30 Prozent der erwerbsfähigen jungen Leute in Japan befinden sich in einer prekären Lebenssituation. In Deutschland sind es knapp14 Prozent. Auch wenn Japaner kulturell gesehen nicht mit Europäer verglichen werden können, hat man wohl einen Ausblick dafür, wohin auch eine Leistungsgesellschaft in Europa mit verschärfenden Bedingungen duch Globalisierung und fehlender Chancengleichheit führen kann.

    Aber als prekär kann man mittlerweile auch die Situation der Festangestellten sehen, wenn man nicht gerade durch Beziehung an einen “ruhigen”Job gekommen ist. Ein nine to five Job gibt es für viele eher selten. Und da stellt sich die ernsthafte Frage: Bin ich ein Workazombie, der kaum Energie für Freizeit, Partnerschaft, Familien und Freunschaften aufbringen kann oder ein Gelegenheitsjobber, der zwar mit weniger Geld lernen muss auszukommen, dafür vielleicht eher echte Zeit für die wichtigen Dinge im Leben hat. So oder so, wenn Du nicht in eine gewisse Schicht hineingeboren bist und dein Weg damit vorgegeben ist, musst Du kämpfen.

  • Polygon sagt...

    In Deutschland rebellieren? Die Studentenproteste waren ein Aufbegehren, aber das Problem hier ist: es gibt nicht viel wogegen man sich auflehnen könnte. Die eine Generation rebelliert, indem sie sexuell sehr freizügig wird (Auch schon ein paar Jahre her, zumindest in Rheinland-Pfalz), die nächste Generation wird etwas prüder. Wirklich schocken durch Rebellion fällt durch die viele Freiheit hier schwer.

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