Schlaftrunken und mit einer Butterbrezel halb im Mund, halb in der Hand, sitze ich viel zu früh in der Vorlesung. Ich greife nach meinem Kaffee und zeitgleich betritt unser Professor den Hörsaal. Er stellt sich hin und fängt an zu reden. Keine Begrüßung, gar nichts. Einfach los. Und dennoch hören ihm alle zu. Diesem lustigen Kerlchen und Erfinder vom „kleinen Fatzge“, unserer fiktiven Beispielfigur, welche regelmäßig herhalten muss, damit wir dummen Studenten wieder etwas dazu lernen.
Er fühlt sich wohl da vorne und überlegen, denn immerhin hat er, wie er uns gerne wissen lässt, noch bei Heinen studiert und dieser ja schließlich bei Gutenberg. Aber wir Erstsemestler können mit dieser Information ja sowieso nichts anfangen. Er nutzt den Platz vor der riesen großen Tafel fast schon wie eine Art Bühne. Er ist kein Professor, sondern vielmehr eine Art Künstler, der genau weiß mit welchen lockeren Sprüchen, Beispielen, Gestiken und Mimiken er die Aufmerksamkeit der Studenten gewinnt.
Er ähnelt ein bisschen Mecki. Dem Igel. Die Frisur ist die gleiche. Und beim Betrachten seiner Haare erzählt er mir irgendetwas von kognitiver Dissonanz und Boom wird im nächsten Augenblick meine komplette rosa Disney-Welt vom Prinzen, der Aschenputtel rettet, dem Erdboden gleichgemacht, nein sie wird vollständig zerbombt, abgeschlachtet und vergewaltigt.
Die ganzen rosa Brillen, Liebesbekundungen und Treueschwüre versinken im Boden des Hörsaals und sind nichts mehr wert. Ich komme mir fast schon so vor, als ob ich gerade bei einem Psychologen sitze, der mich mal knallhart hier und jetzt über die Realität meines Lebens aufklärt und eben leider auch über die Liebe. Kognitive Dissonanz killt jede Art von Romantik und Wunschdenken, ist hinterfotzig und eigentlich ein böser Gedanke, den keiner aussprechen möchte.
Wir leben in einer Zeit, in einer Welt, in der es nicht mehr einfach nur reicht, dass man erwachsen wird und in die Fußstapfen des Vaters oder der Mutter tritt und das Familiengeschäft übernimmt. Es darf auch nicht mehr „nur“ eine Ausbildung im Lebenslauf stehen, sondern am besten noch ein duales Zweitstudium.
Wir sind auch echt uncool, wenn wir nur nach Italien in den Urlaub fahren und nicht mindestens ein Jahr in Kanada, China, Australien, Stockholm oder den USA verbracht haben. Wir sind offen für alles, neugierig und wissensdurstig. Wir stecken überall unsere Nase rein, vor allem in das heiß geliebte, Internet welches uns aufklärt, informiert und ab und zu auch mal richtig auf die Nerven gehen kann. Wir können uns austauschen. International. Haben „Freunde“ auf der ganzen Welt und so große Hummeln im Hintern, dass man uns fast nicht mehr halten kann. Wir wollen nicht mehr einfach nur in einer Stadt studiert haben, wir wollen alles. Jetzt. Und in der Liebe erst recht. Wir möchten uns austesten, uns umschauen und austoben. Wir haben ja mittlerweile auch die Möglichkeiten dazu. Die Welt steht uns allen offen.
Es ist uns mittlerweile zu wenig mit dem netten, gut aussehenden Nachbarn eine Beziehung zu haben, wenn wir schon so was von weltbewandert sind und er ja eben nicht. Da kehrt Anna von ihrer Weltreise zurück und ihr Sepp erscheint ihr mehr schlecht als recht. Immerhin hat sie doch jetzt schon Justin, Mike und Brad kennengelernt, die irgendetwas Neumodisches studieren. Egal, es imponiert und deswegen muss er dran glauben. Und sie streckt ihre Fühler nach einem Mann aus, der sich mindestens auf dem gleichen Wissensstand befindet, oder am besten sogar noch eine Stufe höher.
Bei der Partnerwahl werden Vor- und Nachteile mit sich selbst ausdiskutiert. Schöhnheits-, IQ – und Funpunkte vergeben. Wir sind unersättlich, wollen für uns nur das Beste und sind manchmal mit unserer Entscheidung, der Partnerwahl, nicht ganz zufrieden, wenn uns dann wieder heiße Schnitten oder lustige Kerlchen über den Weg laufen. Wir versuchen natürlich den bestmöglichen Partner für uns rauszuschlagen und dabei bleibt die Liebe, die Romantik, manchmal ganz schön auf der Strecke.
Sie bleibt auf der Strecke, wenn wir uns denken „jetzt mache ich Schluss und will etwas Neues ausprobieren“. Sie bleibt auf der Strecke, wenn wir einfach nicht schätzen, was wir an manchen Partnern haben, die vielleicht nicht gerade Topmodel oder Rockstar sind, aber dafür ganz andere Qualitäten aufzeigen. Sie bleibt auf der Strecke, wenn wir nie mit etwas zufrieden sind, was wir haben, und unsere Fühler immer auf Empfang gestellt haben, wenn wir vergeben sind. Und sie bleibt auf der Strecke, wenn es mal schlecht läuft, man lieber das Handtuch schmeißt und anfängt Heidi Klum zu betören, anstatt an der Ursache des Problems zu arbeiten.
Wenn es wirklich so ist, dass uns die kognitive Dissonanz keine Ruhe lässt, sieht es früher oder später ganz schön schlecht für uns aus und im schlimmsten Fall stehen wir dann ganz alleine da. Zu Recht.
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Ich nenn das gerne auch BeziehungsADS. Man kann sich nicht lange auf eine Sache konzentrieren. Das Buch “Das Ende der Liebe” beschreibt das auch ganz schön. Wir müssen uns das ein bisschen bewusst machen und besinnen, wie wertvoll Beziehungen sind und wie lange man braucht um etwas wirklich zu verarbeiten, doch meistens lenkt einen dann schön wieder ein neuer toller Mensch ab… Einfach mal zusammenreißen und Verknalltheit nicht mit Liebe vertauschen.
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beziehungsads :D find ich gut hihi
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schöner beitrag! merci.
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Du studierst wohl auch an der LMU? Was denn, wenn man fragen darf? :)
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Gutenberg und Heinen kann nur BWL sein…
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Sehr gut! Wie aus dem Buch der Weisen…
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Gähn. Anscheinend hat euch euer Professor “Kognitive Dissonanz” nicht vernünftig erklärt. Im selben Atemzug gehen nämlich “Dissonanzvermeidung” und “Dissonanzreduktion” einher. Sieht in etwa so aus, dass wenn jemand wie ich her kommt und mit tiefergehendem Wissen zu dem Thema auftischt, meine Meinung einfach überlesen oder ignoriert wird. Das ist Vermeidung. Sollte es doch kommen, dass meine Kritik zu den oberflächlichen Behandlungen des Themas “Liebe” hier, welches an meinem Verständnis von ebenselbiger weit vorbei geht bzw. nicht im Ansatz berührt, wahrgenommen wird, kommen einfach Kommentare wie: “Guck mal, wie viele andere mir Recht geben.”, “Deinen Blog liest keiner.”, “Ich bin eine Frau und habe Brüste.”, oder im Zweifelsfall ein argumentativloses “Trotzdem.”. Das ist Reduktion.
Dissonanz auszuhalten ist eine große Kunst. Stichworte Ambivalenz und Ambiguitätstoleranz. Was das “Sterben der Liebe” anbetrifft… nun ja. Das passiert eigentlich nur dann, wenn die Wirklichkeit fundamental bedeutsamen Werten entgegen steht. Zum Beispiel die Ästhetik der Genitalien oder die Größe der Brüste (SCNR – aber so wird Liebe bei amy&pink ja anscheinend aufgefasst). Wenn es “verkraftbare Bereiche” sind, wird einfach umgedeutet/-bewertet. Entweder bewusst oder unbewusst.
Hach ja, Dissonanz ist ein lustiges Spielzeug.
Abgesehen davon: Liebe ist (in meinen Augen) ein “Gefühl”. Gut, Emotionen sind auch nur (schnelle) Kognitionen, aber bei Liebe braucht man nicht darüber nachdenken, ob oder ob nicht. Man weiß. Ich für meinen Teil tue es zumindest. (Dissonant wird es erst dann, wenn man jemanden liebt, aber keine Beziehung (mehr) mit ihm führen kann/will. Aber das sind zwei Paar Schuhe, Liebe und Beziehung.)
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hey robby,
doch doch unser prof hat uns auch noch ganz andere dinge erzählt aber meine bachlorarbeit schreib ich dann doch lieber später;)
und du hast recht wenn man sich verliebt sollte einem alles andere einfach egal sein. seh ich auch so. ist jetzt doch nur mal auch eine andere sichtweise.
nicht immer alles so pupsernst nehmen.
grüße!
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Einfach mal in drei Absätzen klugscheißen… Das ist auch selten.
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sehr gute auseinandersetzung mit der traurigen wahrheit
leider habe ich mich dadrin wieder gefunden
meine mutter fragt mich jeden tag wieso ich mich nicht endlich besinne und mit xy zusammen komme statt der “weltgewanden” urlaubsliebe aus paris hinterherzutrauern
“der kennt the smiths nicht” “der will nach der schule ernsthaft hier in frankfurt bleiben” oder “der versteht es nciht wenn ich von weltschmerz rede” sind dann meistens die antwort
ich habe also beziehungsads
wo kann ich mein ritalin abholen?
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@hannah: Wenn man sich verliebt, ist einem alles egal. Der Unterschied ist, dass Verliebtsein (in meiner Welt) nicht gleich Liebe ist. Und Liebe ist – für mich – ein ernstes oder zumindest ernsthaftes Thema. Und der Umgang, der hier damit betrieben wird, löst bei mir kognitive Dissonanz aus *haha* Nicht zuletzt, weil dabei der Begriff (“Liebe”) für Phänomene benutzt wird, die (in meiner Welt) nicht im Ansatz da ran kommen. Liebe ist – in Urform – etwas “reines”. Unbedingt. Da ist es egal, ob die Brüste zu groß/zu klein, der Penis krumm oder sonstetwas ist. Klar, “unbedingt” gibt es wohl kaum/nicht, aber zumindest Abstufungen, ob man aufgrund irgendwelcher Nichtigkeiten von “Partner” zu “Partner” hüpft, oder wirklich an einem Menschen (mit all seinen Facetten) interessiert ist. Innerlich. Grundlegend. Und nicht nur zum Rumvögeln.
Das kann man natürlich auch, idealerweise sogar sehr gut. Aber eben nicht nur.
@Marcel: Jahrelange Übung. Hatte auch mal mit dem Gedanken gespielt, euch einen tiefgründigeren (Gast-)Beitrag zu der Thematik anzubieten, sofern ihr daran Interesse habt und/oder eure Leser nicht nur schön sind, sondern auch in der Lage (um die Ecke) zu denken.
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danke aber lass mal stecken. glaub das is nich so cool ;)
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“Sie bleibt auf der Strecke, wenn wir einfach nicht schätzen, was wir an manchen Partnern haben, die vielleicht nicht gerade Topmodel oder Rockstar sind, aber dafür ganz andere Qualitäten aufzeigen.” -> Lieblingssatz & die Wahrheit. Toller Text!
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Ich finde – muss ich mal eben anmerken – hauptsächlich die narrative Wende in der Textgestaltung ziemlich gelungen. Den Sprung, den Gedanken im Alltagsfluss von geregelten Betrachtungen manchmal unmittelbar in tiefe Risse machen und gleich wieder (oder trotzdem) weiterlaufen – das ist wirklich schlicht und treffend eingefangen.
Außerdem ein netter Assoziationsmoment während es um Dissoziation geht ;)
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Nicht das “Was verpass ich möglicherweise alles da draußen?” sollte man sich fragen,
sondern vielmehr: “Gibt es etwas, das mir fehlt um (wirklich) glücklich zu sein? Wenn ja, was ist es?”
Die Welt erforschen, seine Möglichkeiten nutzen, sich ausprobieren und über den Tellerrand schauen…
Bitte, ohne zu zögern und so gut wie’s geht!
Aber mit dem Ziel anzutreten, den riesen Tisch in nur einem einzigen “Fliegenleben” restlos auszukundschaften ist einfach unrealistisch und am Ende sehr deprimierend.
Ich für meinen Teil bleib dann doch zwischendurch gerne bei dem leckeren Stück Kuchen, dass ich gerade entdeckt habe. Zumindest so lange, wie es mir schmeckt und so lange mich nicht die Fliegenklatsche erwischt! :P
Danke für den schönen Artikel!
Antworten
[...] der Ausgleich. Sie belebte AMY&PINK mit Texten über Schmerz, über Liebe, über kognitive Dissonanz. Als sie für einige Monate in Tokio war, berichtete sie fleißig aus der japanischen [...]