Wenn uns die Welt zu Füßen liegt
Auf dem Balkon
Wenn uns die Welt zu Füßen liegt
Hannah Maria Paffen  /  Sonntag, 12. Dezember 2010

Ich schnappe mir das Zigarettenpäckchen, das einer meiner Freunde auf der WG-Party vergessen hat, und schleiche mich damit raus auf dem Balkon. Ich nehme mir eine Zigarette heraus, stecke sie mir in den Mund und zünde sie mit einem Streichholz an. Draußen ist es kalt und dunkel und die Flamme des kleinen Streichholzes verzaubert mich ein wenig. Einfach so. Streichhölzer mag ich lieber als Feuerzeuge.

Ich ziehe an der Zigarette und blicke in die Ferne. Von unserem kleinen Balkon aus hat man einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt. Tausende Lichter funkeln in der Ferne und zwischendrin entdecke ich einen hell erleuchteten Tannenbaum. Die ganze Welt liegt mir zu Füßen. Mein Leben liegt vor mir. So fühlt es sich also noch mal an. Es ist kalt, dunkel, schmeckt nach roten Gauloises und riecht nach Streichhölzern. Es ist vom Schnee bedeckt und funkelt im Licht der Nachbarswohnungen. Es liegt in meiner Hand, wie es verläuft, ob es überhaupt läuft und ich könnte es jetzt beenden, wenn ich wollte, indem ich mich zu weit über das Balkongelände beugen würde.

Ich ganz allein habe es in der Hand, ob ich etwas Großartiges daraus mache oder nicht, mit offenen Augen durchs Leben laufe oder nicht. Und ich habe Angst, dass ich irgendwann merke, dass ich die falschen Entscheidungen getroffen habe. Können wir überhaupt falsche Entscheidungen treffen? Wird nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen? Happy End sozusagen? Kennt nicht jeder diese Momente, die einen fast erdrücken und einen dazu zwingen, unvernünftige Dinge zu tun, weil man Angst darum hat, dass es irgendwann zu spät ist?

Dass es so viele immer in die große weite Ferne zieht, verstehe ich nicht. Es ist doch vollkommen egal ob ich in New York, Tokio oder hier auf meinem kleinen Balkon sitze. Ähnelt sich das nicht alles und kommt es nicht darauf an mit wem man solche Momente verbringt und wo die Leute leben, die man ins Herz geschlossen hat? Um die Weihnachtstage wird es ruhig in den großen Städten unserer Erde und jeden zieht es einfach nur nach Hause.

Die Zigarette schmeckt beschissen und ist rausgeworfenes Geld, da ich ja noch nicht mal auf Lunge rauchen kann. Aber die sieben Minuten draußen auf dem Balkon gefallen mir gut. Ich sollte mir etwas anderes ausdenken und beschließen, dass Schokolade nur noch auf dem Balkon gegessen werden darf. Denn es ist schön hier draußen in meinem Leben, mit dem beleuchteten Tannenbaum und der ganzen Weihnachtsdeko in den Fenstern. Weihnachten kann also kommen und die besinnliche Zeit ist längst da.

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Über die Autorin

Hannah lebt zur Zeit in Kempten, studierte Modedesign und widmet sich nun der Betriebswirtschaftslehre, um die Pflichten einer angehenden Weltherrscherin perfekt umsetzen zu können. Ihr größter Traum ist es, in naher Zukunft in einem billigen Horrorfilm mitspielen zu können. Als taffe Vampirjägerin. Oder modriger Zombie. Mal gucken. Alle Artikel von Hannah lesen oder eine eMail schicken.

13 Kommentare

  • joey sagt...
  • Ben sagt...

    Danke – und lass das Rauchen, das steht Dir nicht.

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  • feIdi sagt...

    schön…

    …und ben hat recht
    q-:p

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  • Mike sagt...

    Wenn Schoki im kalten dann heieß Schoki mit Sahne .. :)

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  • paul sagt...

    “vernunft” als solche, ist etwas irrsinniges, nicht begründbar, es sei denn du stehst auf normen, regeln & und den einklang des großen ganzen, kapitalismus. frage dich nie nach der vernunft, denn was ist vernunft..? es ist die frage nach dem richtigen/falschen zurecht legen einer situation, oft mit verschobener selbsteinschätzung oder einem gut gemeinten rat einer freundin, eines freundes. vernunft ist bäh – schon lange, halt dich nicht damit auf.

    und übers geländer beugen oder nicht, ist wohl die einzige wirklich freie entscheidung die wir treffen können in einem leben was bestimmt wird durch vorherschende verhältnisse. rücksicht nehmen muss man da auf niemanden.

    irgendwo anders,

    paul.

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  • Phil sagt...

    Klasse Text Hannah!!!

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  • Miss Nyx sagt...

    Mich zieht es nicht in die Ferne, weil ich dort sein möchte, sonder weil ich nicht hier sein mag. Vielleicht geht es anderen auch so.

    Aber sehr schöner Text!

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  • Andy sagt...

    wundersam …

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  • cpier sagt...

    Schokolade als Zigarettenersatz ist ja mal ne super Idee!

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  • Torsten sagt...

    Grandios. Mehr gibt es nicht zu sagen.

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  • Lia sagt...

    Schönstens. Leichte Unvernunft ist gesund. Ich glaube, Happy End bedeutet vor allem, später kein “Was wäre, wenn” und überhaupt kein “Hätte ich doch” vor sich zu haben …

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  • Robby sagt...

    Ha, ich wollte ja fast (mal wieder) loswerden: Wozu braucht man denn eine Zigarette, um auf dem inmitten auf der Nacht stehend zu denken? Warum nicht einfach mal so rausgehen? Oder meinetwegen an einem Glas Milch/Saft/Wein nippen. Erfreulicherweise kommt diese Erkenntnis ja am Ende des Blogeintrags, daher: Herzlichen Glückwunsch. Und viel Spaß beim rauchfreien Denken. Vielleicht klappt es irgendwann ja auch ohne Schokolade. Sieht dann vielleicht für andere Menschen komisch aus, wenn man einfach nur da steht und denkt, ohne dabei eine zu rauchen oder sich zu anderweitig zu beschäftigen, aber… who cares?!

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  • Robby sagt...

    Ach ja – und weitaus wichtiger: Es gibt kein richtig und falsch. Zumindest nicht außerhalb des menschliches Verstandes/der menschlichen Bewertung. In der Natur gibt es nur ein “Es ist so.”. Ein funktional und dysfunktional. Seine eigenen Facetten und die seiner Mitmenschen unter diesem Blickwinkel zu betrachten, ist manchmal ganz hilfreich. Ist es richtig oder falsch so ein überheblicher Klugscheißer zu sein, wie ich es in den letzten Wochen hier war und gerade wieder bin? Weder noch und gleichzeitig zwei Mal “Ja.”. Es bringt gewisse Vor- und Nachteile mit sich, genau, wie das Rauchen, weggehen, hierbleiben, kein Sex vor der Ehe, das ausschließliche Führen von Beziehungen mit begrenztem Haltbarkeitsdatum etc. pp.. Solange man selbst bereit ist den Preis zu bezahlen – und den gibt es immer -, ist alles okay. Wenn nicht, fängt man halt an etwas zu ändern. Falls nicht, scheint es ja okay genug zu sein ;)

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