Mein Handy klingelt. Michi ruft an und sagt mir, dass es ein wenig später wird und er noch dreißig Minuten braucht. Dreißig Minuten. Das ist eine halbe Stunde, kann aber manchmal auch eine halbe Ewigkeit sein. Zum Beispiel wenn man auf jemanden wartet, den man mag und dann viel zu viel Zeit hat darüber nachzudenken, ob man etwas zwischen den Zähnen hat oder nicht. Zeit hat darüber nachzudenken, ob man nicht vielleicht doch den anderen Pullover hätte anziehen sollen und Zeit, in der man sich noch einmal räuspert, den kalten Schweiß von den Händen an der Hose abwischt und überprüft, ob man nicht doch lieber noch ein Pfefferminzbonbon einschmeißen sollte.
Zeit, in der das Herz langsam aber sicher immer lauter anfängt zu schlagen, sodass man fast das Gefühl hat, die Menschen um einen herum können es auch hören. Deswegen tapst man von einem Bein aufs andere, wippt mit den Knien und prustet die Luft aus den Backen, einfach um davon abzulenken. Zeit hat, in der man sich fragt, wieso man sich das verdammt noch mal schon wieder angetan hat und man jetzt genauso gut im Auto zu seiner Lieblingsmusik mitsingen könnte oder zu Hause ein heißes Bad nehmen könnte, bei dem man sich aus dem Schaum Kronen bastelt oder tausende von Luftschlössern.
Dreißig Minuten. Das ist eine halbe Stunde, kann einem aber manchmal auch vorkommen wie eine Sekunde. Wenn man sich in den Armen liegt und einfach nur die Nähe genießt. Wenn man Hand in Hand nach Ladenschluss durch die Stadt läuft und vor dem Schaufenster stark anfängt zu gestikulieren, weil man sich zusammen in Gedanken die gemeinsame Wohnung einrichtet. Wenn man mit jemandem telefoniert, den man gerne hat und auf einmal aus dreißig Minuten drei Stunden werden oder wenn man den Wecker extra eine halbe Stunde früher stellt, um sich in der Früh noch ein wenig aneinander zu kuscheln.
Eine halbe Stunde habe ich jetzt zur freien Verfügung. Ein schwarzes Loch in meinem Leben. Ich steige aus dem Auto, um noch ein wenig durch die Stadt zu schlendern. Es ist bereits dunkel, ich streife an den hell erleuchteten Geschäften der Einkaufsstraße vorbei und biege dann ab, um zur Kirche hoch zu gehen. Von hier oben kann man alles überblicken. Die Autobahn sieht aus der Ferne aus wie eine Kette aus vielen kleinen Feuerbällen und wenn man hier oben auf der Mauer sitzt hat man fast das Gefühl fliegen zu können. Mir wird fast schwindelig und ich halte mich am Mauerrand fest, um nicht herunter zu fallen.
Im Haus vor mir bereitet ein junges Paar gerade das Abendessen vor. Sie kichern, lachen und küssen sich zwischen den Kochphasen immer wieder heiß und innig. Aus einer Kneipe am Fuße des kleinen Berges dröhnt “Radio Ga Ga” und hinter mir taucht ein glatzköpfiger Mann in Bikerjacke mit Hund auf. Ich bekomme ein wenig Angst, versuche mir aber nichts anmerken zu lassen und schaue den Feuerbällen und dem Pärchen weiter zu. Er setzt sich ein Stück weit weg auf die Mauer und zündet sich eine Zigarette an. Aus der Kneipe unten dröhnt jetzt “We Will Rock You” und ein betrunkener Mann stolpert aus der Tür.
“Schön hier”, höre ich eine tiefe Stimme sagen. “Hier oben verfliegt die Zeit wie im Flug”. Der glatzköpfige Mann in der Bikerjacke hat mich gerade nicht von der Mauer geschubst oder vergewaltigt, sondern mit mir gesprochen. Ich nicke, lächle und schnaufe einmal kräftig durch die Nase, so wie ich es immer mache, wenn ich nicht weiß was ich sagen soll. Mein Handy piepst. Es ist eine SMS von Michi und er sagt er sei jetzt da. Ich hüpfe von der Mauer, kraule noch kurz den Hund, verabschiede mich und gehe wieder Richtung Innenstadt.
Dreißig Minuten. Das ist eine halbe Stunde, die nicht nur ewig oder kurz sein kann, sondern einfach auch nur mal mir gehört. Ein schwarzes Loch. Eine Lücke. Zeit für mich, Zeit um Paare zu beobachten, Queen zu hören oder Menschen zu treffen. Und genau so etwas brauche ich von Zeit zu Zeit.
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♥♥♥ schön ♥♥♥
diese 30 min brauch wohl jeder mal :)
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super. und wahr.
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Wow! “..sodass man fast das Gefühl hat, die Menschen um einen herum können es auch hören…”
Du Sprichst mir von der Seele!
Gänsehaut pur!
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Nice! Ich glaub ab jetzt werde ich MIR öfters 30 Minuten gönnen =)
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Toller Text, ich weiß genau was du meinst. Genau dieses Gefuehl ist der Grund , wieso ich so gerne mit dem Zug fahre und die Leute da beobachte.
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Schön geschrieben. Aus dem Blickwinkel habe ich 3o min noch nie betrachtet.
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Schöner Text … oder einfach mal 39 Minuten ein Müsli essen.
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Und genau so ein Text brauche ich zwischendurch mal. :)
Einfach toll, und erinnert einen mal wieder an das eigentlich wichtige!
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Schöner Text! Wo hast du denn da gesessen? :)
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<3
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wundervoll und so wahr !
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Heeeee! Keine Vorurteile gegen leute mit aerodynamischen Frisuren ;-)
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sehr schöner text!
ich bräuchte auch mal wieder 30 minuten für mich…
…villeicht nächstes jahr :-/
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Sehr schön ^^. Spätestens jetzt hab ich eurem Blog extrem lieb gewonnen und das kommt eher selten vor ;-).
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Ich finds super..
Man erkennt sich wieder!
- Das mag ich! ;)
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