All des Königs Pferde
Foto: Alexander Alekseenko
Kapitel 5
All des Königs Pferde
Mischa-Sarim Vérollet  /  Donnerstag, 25. November 2010

Was ist das schönste Wort, dass du kennst, murmelt Sabrina.

Träne, sage ich.

Was, kommt aus Sabrinas Ecke, sie blättert gerade in der Cosmopolitan, was sagst du, fragt sie, gedankenverloren weiterblätternd.

Träne, sage ich, das ist das schönste Wort, das ich kenne.

Wie jetzt, Träne, fragt sie verwirrt und blättert weiter.

Du hast mich gefragt, was das schönste Wort ist, das ich kenne.

Hab ich nicht.

Doch, grade eben.

Quatsch, sagt sie, und dann, ach, das war nur so eine blöde Umfrage in der Cosmopolitan, das war nicht an dich gerichtet, habe mehr so mit mir selbst geredet. Ach so, sage ich. Warum Träne, fragt Sabrina, ihre Stirn ist gerunzelt. Bist du nicht glücklich?

Ich lege die Architectural Digest zur Seite, ungern, ich lese diese Zeitschrift mit Vorliebe. Sie hat ein wunderbares Layout, kein anderes Magazin wählt seine Werbekunden so geschmackvoll aus.

Natürlich bin ich glücklich, erzähle ich ihr, aber Träne ist nun mal einfach ein wunderbares Wort, kein anderes Wort vereint Glück und Unglück so gekonnt in einem Kokon, Tränen sind wunderschön.

Ne, aber jetzt mal ernsthaft, sagt sie, bist du wirklich glücklich? Auch mit mir, und so?

Ich spüre, dass sie bei dieser Frage an sich, an ihre Operation, an das was von ihr übrig geblieben ist, und an meine Gedanken, die sie nicht kontrollieren kann, denkt.

Das letzte Mal, dass mich das jemand fragte, war ich mit Bernie im Trauma, Bernie arbeitet in so einem integrativen Projekt, er betreut geistig behinderte Menschen. Bist du glücklich, fragte er mich, geh in dich, und frag dich ganz, ganz ehrlich: Bist du mit all deinem Geld, deinen Sachen und deiner Karriere wirklich ein glücklicher Mensch, und ich ging in mich und schickte einen Tequila hinterher und wusste es nicht. Meine Hirnies, fuhr Bernie fort, er sagte tatsächlich meine Hirnies, die sind glücklich, sagte er und hielt sein Weizen ins Licht. Wenn du mich fragst, sind das sogar die glücklichsten Menschen der Welt. Die wissen gar nicht, was mit ihnen ist, die haben keine Sorgen, die leben einfach nur, sagte Bernie, und wenn die mal sauer sind oder beleidigt, dann kacken die dir einfach auf den Tisch, und dann lachen sie, und alles ist gut, und ich denke, dass Bernie vielleicht Recht hat, vielleicht sollten wir alle mal auf den Tisch kacken und lachen, vielleicht wären wir dann glücklicher.

Es sind auch immer nur die hässlichen Menschen, scheint mir, die an die Wiedergeburt glauben, die Menschen, die immer Zweite werden, immer Zweite sein werden, das menschliche Mittelmaß, Gesichter wie Totalschäden, Leben wie Totalschäden, Totalschäden.

Sabrina schaut mich schief an.

Du musst aber lange überlegen.

Ich nehme ihre Hand.

Da gibt es nichts zu überlegen, Schatz, es ist nur nicht etwas, worüber ich oft nachdenke. Ich bin einfach glücklich, das ist einfach so.

Sie drückt meine Hand, und lächelt.

Ich bin so froh, dass du in der ganzen Zeit für mich da warst, sagt sie, ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Andere Männer hätten bestimmt schon die Segel gestrichen, oder so ein Chemo-Monster wie mich verlassen, ich war ja teilweise wirklich nicht der schönste Anblick.

Hey, sage ich, das ist doch selbstverständlich, mach dir da mal nicht zu viele Gedanken.

Ich denke daran, wie sie während der Chemo aussah, wie ein rasiertes Meerschweinchen, und ich mich fragte, was die mit meiner Frau gemacht hatten. Ist sie denn wirklich glücklich, frage ich mich, und erinnere mich gleichzeitig an Beigbeder, dass Frauen sich angeblich immer in Kerle verlieben, die viel Geld und ein gut situiertes und abgesichertes Leben anzubieten haben, jede Frau prostituiere sich also, aber das ist bei uns anders, wir lieben uns, und Sabrina hatte schon immer mehr Geld als ich.

Ich beschließe, ihr mal wieder einen Liebesbrief zu schreiben, einen echten, nicht aus SMS, nicht aus E-Mail, sondern aus Papier und Tinte und Herzblut, sogar mit einer Briefmarke drauf, mir fällt auf, dass ich ihr noch nie einen Liebesbrief geschrieben habe, einen Richtigen, wir haben uns immer nur zweckgebundene E-Mails oder SMS geschickt, noch nicht mal ein Schatz oder HDL dabei. Das werde ich ändern, verspreche ich mir selbst, gehe dann runter zu unserem SUV und lege meinen Baseballschläger auf die Rückbank, er störe sie im Schlafzimmer, er passe einfach nicht zur Gesamtästhetik der Inneneinrichtung, die sie, das muss ich zugeben, wirklich sehr geschmackvoll ausgewählt hat.

Wir geben uns einen Gute-Nacht-Kuss, er fällt irgendwie länger und leidenschaftlicher aus als sonst, ich küsse ihren Nacken und ihre Wange, sie seufzt wohlig.

Ich liebe dich, sage ich.

Ich liebe dich auch, Schatz, antwortet sie, und dann machen wir das Licht aus.

Fortsetzung folgt… Alle bisher erschienenen Kapitel lesen

Ein Yuppie-Pärchen entzweit sich und nähert sich dabei immer mehr dem Abgrund… „All des Königs Pferde“ ist eine Novelle von Mischa-Sarim Vérollet aus dem Jahre 2007. Sie erschien erstmals 2007 als selbstfotokopiertes A5-Heft in kleinster Auflage und wird in den nächsten Wochen in einzelnen Kapiteln als Fortsetzungsnovelle auf AMY&PINK veröffentlicht – roh und bis auf auffällige Rechtschreibfehler unlektoriert in der Originalfassung.

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1 Kommentar

  • ariane sagt...

    “vielleicht sollten wir alle mal auf den Tisch kacken und lachen, vielleicht wären wir dann glücklicher.” <3

    jetzt mal im ernst, wo gibt es dieses selbstfotokopierte a5-heft in kleinster auflage? kann man sich irgendwie in den elitären kreis derer, die diese novelle im ganzen lesen dürfen, hochschlafen?

    Antworten

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