Alle adoptieren sie Kinder um uns herum. Das ist eine mittelschwere Epidemie, ein Scheißvirus. Geht natürlich von den Frauen aus. Zuerst waren es die verdrahteten Kiefern, dann die Louis Vuitton-Taschen, jetzt kleine Schokokinder. Adoptieren ist so viel angenehmer und schmerzfreier als selber Kinder kriegen, sagen die Freundinnen von Sabrina, selbst ein Kaiserschnitt ist ja nicht das Wahre, und man tut zudem etwas Gutes, wenn man ein kleines Kind aus dem Sudan oder aus Indien vor dem sicheren Hungertod rettet, und dann gucken mich die Lebensabschnittsgefährten der Freundinnen von Sabrina ganz sparsam an, holen sich noch ein Bier und sagen, dass wir nächsten Samstag mal wieder ganz dringend in den Club müssten und saufen, und am liebsten würden sie sofort damit anfangen.
Sheherazade, so heißt der Wirt des Virus, sie war das erste Adoptivkind in unserem Freundeskreis, Marita und Markus haben das kleine indische Mädchen mit den großen Kulleraugen während eines Urlaubs in Srinagar adoptiert. Wir sitzen in einer Rattan-Sitzgruppe im Wintergarten und beobachten die kleine Sherry, wie sie gerufen wird, beim Spielen, hin und wieder guckt sie hoch, und dann sieht sie uns und lächelt, die Frauen seufzen alle und Gebärmütter drehen ab.
Elena und Dennis haben den kleinen Musama aus Nigeria heute bei den Schwiegereltern gelassen, aber er wird trotzdem schon mal mit der kleinen Sheherazade zwangsverheiratet, keine Macht den Abwesenden. Dafür haben sie eine Mappe der Adoptionsagentur mit lauter kleinen, hilfsbedürftigen Schokokindern dabei, Sed-Karten werden ausgetauscht, und dann spielen die Frauen eine Art Quartett mit den Schokokindern, Lächeln und Augen und Hautfarbe werden verglichen, auf einmal quietscht Sheherazade und prompt hat sie gewonnen.
Ich gehe aus Langeweile aufs Klo, und hoffe, dass Sabrinas Gebärmutter sich wieder beruhigt, und wir auf der Rückfahrt nicht in so einem Kinderkatalog blättern müssen. Das fehlte mir gerade noch, so ein kleines Schokobaby im Kinderwagen, was denken denn da die Leute, das Blag hat ja nicht „adoptiert“ auf der Stirn geschrieben, die gucken mich dann alle so mitleidig an. Armer Schlucker, sagen die dann, hat sich von seiner Alten so’n Ei ins Nest legen lassen, in der Disco fünf Minuten geil gewesen und neun Monate später bereut. Der Arme, oder noch schlimmer, der hat es nicht gebracht, sagen sie, seine Spermien waren abgefuckte Loser, er hat es einfach nicht gebracht, der Arme, aber was für ein toller Mann, würden sie sagen, dass er das Kind trotzdem akzeptiert, und dann tuscheln sie hinter meinem Rücken über mich, und das, das könnte ich wirklich nicht ertragen, so ein Schokokind kommt mir nichts ins Haus, ich schlucke eine Valium.
Guck mal, sagt Sabrina, und nimmt ihre Perücke ab, meine ersten Haare wachsen wieder.
Alle gucken fasziniert auf die paar Büschel, die langsam aber sicher wieder sprießen, endlich sieht sie nicht mehr aus wie Kojak, wie Kojak in hübsch, zugegebenermaßen, sie hat ja nicht immer ihr „Chemo-Hero“-T-Shirt getragen.
Ihre Freundinnen, die heuchlerischen Fotzen, gucken alle ganz mitleidig und freuen sich diebisch, dass es Sabrina getroffen hat und nicht sie, diese Fascho-Schlampen, die werden noch gucken, in zehn Jahren haben zwei von ihnen Brustkrebs und die anderen sind geschieden, aber das sage ich ihnen nicht, die sollen sich mal überraschen lassen, schlucke lieber noch eine Valium.
Sabrina und ich nehmen ein Taxi. Sie blättert in der Amica, die sie an der Tankstelle gekauft hat, ich ignoriere die Gesprächsaufnahmeversuche des Fahrers.
Ist das ok, wenn ich Samstag mit den Jungs um die Häuser ziehe?, frage ich, ich bin mir nicht sicher, ob nicht schon etwas geplant ist.
Schatz, sagt sie lächelnd, du musst mich nicht um Erlaubnis bitten. Wir müssen nicht immer etwas zusammen machen, du kannst gern allein losziehen.
Ich könnte mich aufregen und sagen, dass es darum doch gar nicht geht, dass ich weiß, dass ich alle Freiheiten habe, und dass es um etwas ganz anderes geht, nämlich um Rücksicht auf unsere gemeinsame Planung, das macht doch eine Beziehung aus, dass man auf den Zeitplan und den Schedule des anderen eingeht, das war doch keine Bitte um Erlaubnis, es war einfach nur eine höflich gemeinte Frage. Ich könnte mich aufregen über diese scheiß Frauenmasche, dass alles was man sagt einem im Mund umgedreht und ins Negative gekehrt wird, als ob man so ein Scheißhündchen an so einer Scheißleine sei, ich fühle mich getätschelt, so dass man als Vollidiot mit heruntergelassenen Hosen und hängenden Eiern dasteht, hängenden, haarigen Eiern und hochrotem Kopf, ich könnte mich aufregen, aber was soll’s. Das Valium wirkt, dann noch der Wein, und jetzt ist mir alles scheißegal, ich ahne, dass das grad wieder eine Frauenmasche von ihr war, aber mir ist es egal, ich grinse nur, sie sagt, dass ich aufhören soll, so blöd zu grinsen, und dann küssen wir uns, und sind zu Hause.
Sabrina geht ins Bett, ich auch, ein paar Minuten später stehe ich wieder auf und gucke mich zwanzig Minuten lächelnd im Spiegel an, einfach so. Ich gehe in die Küche und hole mir ein kühles Heineken aus dem Kühlschrank, setze mich ins Wohnzimmer und schalte den Fernseher an. Ich erinnere mich, dass Sabrina schon schläft, ich stöpsele also die Kopfhörer ein und gucke auf D-MAX eine Tierdoku über irgendeine Assel, dessen Namen ich im nächsten Moment vergesse, der kleine Bastard nistet sich auf jeden Fall bei irgendwelchen Fischen im Mund ein, frisst die Zunge auf und ersetzt diese dann. Diese scheiß Assel frisst die Zunge einfach auf, einfach so, peng, und lebt dann im Mund und guckt raus, spielt Zunge und freut sich, und frisst alles mit, was der Fisch an Essen zu sich nimmt, ich denke, coole Sau, denke ich, und: Assel müsste man sein.
Dann denke ich an Sabrina und dass sie so eine Assel ist und in meinem Mund lebt und mich dazu bringt, immer das zu sagen, was sie denkt und will, richtig manipuliert hat sie mich, aber das ist gemein, was ich so denke, ich gehe ins Schlafzimmer und lege mich zu ihr ins Bett, gucke sie bis vier Uhr morgens an und freue mich und schlafe ein.
Fortsetzung folgt… Alle bisher erschienenen Kapitel lesen
Ein Yuppie-Pärchen entzweit sich und nähert sich dabei immer mehr dem Abgrund… „All des Königs Pferde“ ist eine Novelle von Mischa-Sarim Vérollet aus dem Jahre 2007. Sie erschien erstmals 2007 als selbstfotokopiertes A5-Heft in kleinster Auflage und wird in den nächsten Wochen in einzelnen Kapiteln als Fortsetzungsnovelle auf AMY&PINK veröffentlicht – roh und bis auf auffällige Rechtschreibfehler unlektoriert in der Originalfassung.
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“Assel müsste man sein.”
Großartig. Die Geschichte ist einfach großartig.
Wenn das so weiter geht, werde ich nicht umhinkommen, mir alle Werke von Herrn Vérollet zu besorgen.
kann Florian nur zustimmen – großartig trifft es ziemlich gut :)
Zu 100 % ergreifend! Will mehr! =)
Mischa, ich will mehr von dir. Alles!
Ich dachte, irgendwo gelesen zu haben, das immer donnerstags ein neues. Kapitel erscheint, aber nun umso besser.
Fazit: Zucker.
ganz anderer ton, nicht minder gut, im gegenteil. bitte mehr und die kürzeren abstände kann ich nur begrüßen.
Wahnsinnig guter Text. Das Niveau im Internet hebt sich immer ein bisschen, wenn man sowas liest.
unglaublich gut. will mehr lesen!