Der stärkste Mann der Welt
Herztöne
Der stärkste Mann der Welt
Ines Kuchler  /  Mittwoch, 13. Oktober 2010

Als ich klein war, brachte er mir Karate bei. Er war der stärkste Mann der Welt. Ich nahm mein Training sehr ernst. Er konnte mich mit einer Hand hochheben und durch den Raum tragen. Und er war sehr groß. Man konnte die Muskeln auf seinem Bauch sehen. Ein bisschen wie bei Superman. Sie waren steinhart. Ich durfte so fest ich konnte seinen Bauch boxen. Er hat sich kein Stück bewegt. Da mussten wir lachen.

Als ich klein war, hatte ich ständig Angst. Ich hatte Angst allein zu sein. Ich hatte Angst vor der Dunkelheit. Angst zu sprechen. Angst vor großen Hunden. Angst zu versagen. Aber wenn er bei mir war hatte ich keine Angst. Er trug mich auf seinen Schultern wenn ich nicht mehr laufen konnte. Dann war ich plötzlich das größte Mädchen von allen. Ich krallte mich in seinen schwarzen Locken fest und ließ nicht mehr los. Das machte ihm nichts aus. Er war der stärkste Mann der Welt.

Er war der klügste Mann der Welt. Er hörte mir aufmerksam zu, wenn es ein Problem gab und dachte ein paar Sekunden nach, bevor er seine wohlüberlegte Antwort gab. Als mein bester Freund starb, erklärte er mir alles, was es über den Himmel zu wissen gab. Ich weinte nicht. Er konnte Gitarre spielen und singen. Seine Stimme war voll und dunkel. Er konnte kochen und Glühbirnen wechseln. Verirrte sich eine Spinne ins Haus, nahm er sie vorsichtig auf die Hand und setzte sie in den Garten. Er war der mutigste Mann der Welt.

Er hatte eine tolle Handschrift. Ich konnte noch nicht lesen, aber ich zog mit den Fingern die verschnörkelten Linien nach. Er brachte mir bei, meinen Namen zu schreiben. Er konnte toll malen und zeichnen. Ich versuchte es ebenfalls. Ich zeichnete unser Haus. Den kleinen Apfelbaum, den er ganz allein in den Garten gepflanzt hatte. Ich zeichnete den Gartenzaun. Ich zeichnete mich, meine Freunde, ihn. Er war immer der Größte auf den Bildern. Größer als der Apfelbaum. Der größte Mann der Welt.

Jetzt sitze ich hier in einem abgedunkelten Raum neben ihm. Eine saubere große Narbe zieht sich über seine Brust. Vom Hals abwärts. Ein paar andere, kleinere auf seinem Bauch. Dem stärksten Bauch der Welt. Ein Schlauch verschwindet in seiner Nase, ein weiterer in seinem Handrücken. Er wirkt kleiner als sonst. Fast so, als könnte ich ihn mit einer Hand hochheben. Er trägt ein weißes Nachthemd. Ich drücke seine Hand. Sie ist warm und weich. Kein Widerstand. Eine Spinne sitzt an der Wand. Wenn er aufwacht, werde ich ihn bitten müssen, sie nach draussen zu bringen. Ich habe zu viel Angst. Bis dahin lausche ich dem Piepen des grauen Kastens neben dem Bett. Ein hohes, dünnes Geräusch. Irgendwie unbeständig. Die Herztöne des stärksten Mannes der Welt.

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17 Kommentare

  • Denise Brede sagt...

    großartiger text!

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  • Herzton sagt...

    Das tut weh. Das eigene Herz scheint stillzustehen. :(

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  • Alex West sagt...

    das passt gerade so sehr, danke…

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  • Ngai sagt...

    Schön, dass er dir offensichtlich etwas gegeben hat, was dich weiterbringt, und dir niemand nehmen kann.

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  • AMY&PINK sagt...

    Das ist nett, aber ihr duerft auch auf amypink.com kommentieren^^

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  • Denise Brede sagt...
  • Lairosiel sagt...

    wunderbarer Text.. !

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  • Sascha Ludwig sagt...

    Wahrhaftig ein toller Text! Sehr schön geschrieben und geht einem irgendwie nahe…

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  • oder AMY&PINK könnte die FB-Kommentare auf der Seite mit einbinden. Pure Vernetzung und so.

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  • Kay sagt...

    Tränen in den Augen. Danke!

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  • Friedrich sagt...

    Wunderbar geschrieben. Das hat mich jetzt völlig rausgerissen. Wo war ich gerade? Ach ja, durchatmen.

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  • Martin sagt...

    Sehr guter Text!

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  • effi briest sagt...

    “sehr guter text” scheint mir das neue synonym für “wie hat dir der beitrag deines klassenkameraden gefallen? – gut” zu werden.
    ausgesprochen innovativ. akklamation!

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  • Ines sagt...

    Danke euch.

    Es fiel mir nicht so leicht das ganze zu veröffentlichen, ist ja doch irgendwie alles ein bisschen emo und so.
    Es freut mich daher umso mehr, dass der Text ankommt.
    Danke <3

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  • dirtbag sagt...

    Deine Zeilen. Meine Gänsehaut. Und Neid. Und Bauchkrämpfe.

    Mein Vater war leider schon immer viel zu sehr damit beschäftigt, mich zu schlagen. Sonst ist sich irgendwie nichts ausgegangen. Nicht mal mehr anschauen kann ich ihn. Egal wie sehr ich auch möchte. Scheißdreck ist das alles. Halte mal seine Hand kurz für mich bitte.

    Glück. Hast du. Fräulein. Ein Großes. Glück.

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  • farbrolle sagt...

    Das geht unter die Haut,und treibt das Wasser in die Augen.
    Gter Text:

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  • Adriana sagt...

    voll schön. irgendwie.

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