Es hängt keine Uhr an der Wand. Weder in diesem Zimmer, noch in den anderen, ich habe das stichprobenartig überprüft. Egal, ob auf der Krebsstation, in der Neurologie oder in der profanen Inneren Medizin – in Krankenhauszimmern hängen keine Uhren. Der dahinsiechende, bettlägerige Patient soll gar nicht erst merken, wie lange er bereits in diesem Zustand und auf diesem Zimmer dahinvegetiert. Natürlich kann er anhand des Tageslichts draußen die ungefähre Uhrzeit schätzen. Aber irgendwann verliert man das Gefühl für die verrinnenden Stunden, man liegt regungslos da, und nach und nach verlieren sich die Gedanken im Sumpf der Demenz.
Auf den Fluren hängen Zeitanzeiger, große, gut erkennbare Bahnhofsuhrimitate. Wer es aus eigener Kraft bis zum Flur schafft, hat auch verdient zu wissen, wie viel Uhr es ist.
Ich habe eine Armbanduhr. Sabrinas Zimmernachbarin hebt unter großer körperlicher Anstrengung ihren fiebrigen Kopf, um einen Blick auf mein Zifferblatt zu erhaschen. Ich halte mein Handgelenk so, dass sie nichts erkennen kann. Die Ärzte sagen, dass sie es ohnehin nicht mehr lange macht. Im Schlaf jammert sie ununterbrochen, oft fragt sie nach Menschen, von denen keiner weiß, ob sie überhaupt außerhalb dieses Zimmers existieren, manchmal wacht sie auf, und dann weint sie, und ist gar nicht wieder zu beruhigen, erzählt Sabrina, die in jeder Nacht höchstens zwei Stunden geschlafen hat.
Der Geruch des Siechtums in Krankenzimmern ist greifbar, er verursacht eine globale innere Übelkeit, die man nicht auskotzen kann, die sich in jeder einzelnen Faser festsetzt, ich weiß jetzt schon, dass ich zu Hause eine halbe Stunde lang siedendheiß duschen werde, wie an jedem Abend in den letzten Wochen, die Sabrina im Krankenhaus verbracht hat.
Sabrina packt ihre Tasche. Sie wird heute entlassen, der Befund ist positiv, was, anders als bei HIV, nicht negativ ist. Die Behandlung schlägt an. Der behandelnde Arzt kommt zum obligatorischen Shake Hands vorbei und wird sie im nächsten Augenblick wieder vergessen haben, er ist ein guter Mann. Er verdient 1.500 Euro netto im Monat, viel zu wenig, das ist noch nicht mal ein Schmerzensgeld für die Augenringe, die selbst ein Lifting nicht beheben könnte, und den Herzinfarkt, den er in ein paar Jahren erleiden und der ihm sein Leben kosten wird. Hätte er sich doch für eine eigene Praxis entschieden, wird er kurz vor seinem letzten Atemzug denken, dann hätte er die Mittagspausen mit einer blutjungen Sprechstundenhilfe in seinem Cabrio auf der deutschen Alleenstraße verbringen können. Er ist verdammt gefickt, aber das sage ich ihm nicht, er ist sehr nett und hat Sabrina sehr gut betreut, wann hat man das heutzutage noch. Manchmal ist es besser, man kennt seine eigene Zukunft nicht.
Wir gehen runter in die Cafeteria, noch ein letzter Cappuccino, bevor es wieder raus geht in die normale Welt, endlich mal wieder gemeinsam einschlafen, endlich kein Krankenhaustagegeld mehr zahlen müssen. Sabrina überrascht mich, weil sie eine Packung Marlboro Menthol aus der Tasche zieht, ich frage sie, seit wann sie raucht.
Sie zuckt mit den Schultern und zündet die Zigarette sehr professionell an. Irgendwann in den letzten Tagen, meint sie.
Warum? frage ich.
Warum nicht? antwortet sie.
Ich mache mir so meine Gedanken und nippe an meinem Cappuccino, sie verwenden hier eine Jura-Maschine, das erkenne ich am Geschmack.
Ok, sage ich und setze die Tasse ab, schieß los, wen hast du kennen gelernt?
Was das denn jetzt soll, fragt sie mich, was heißt denn hier kennen gelernt, sie könne doch wohl rauchen, wann und wo sie es wolle.
Natürlich, sage ich, und denke mir, dass Frauen nicht einfach so zu rauchen anfangen. Qualmen ist Gesellschaftssport, ein Sport, den man mit Gleichgesinnten betreibt, ein Sport, mit dem man anfängt, weil man in Gesellschaft solcher Sportler nicht freihändig da stehen möchte. Frauen fangen an zu rauchen, weil sie Zeit mit Männern verbringen, die bereits rauchten, als sie sie kennen lernten.
Ach, komm schon, sage ich nach einer Weile, während der sie in einer Frauenzeitschrift geblättert und Belangloses daraus rezitiert hat. Sag schon, wen hast du kennen gelernt?
Sie fährt sich durch die Haare und guckt genervt.
Lukas, sagt sie unvermittelt, ich frage sie, wer dieser Lukas denn sei. Zivi, erhalte ich als Antwort.
Der ist echt nett, sagt sie, wir haben die letzten Nächte immer durchgequatscht, konnte doch eh nicht schlafen, sagt sie und ich fühle mich irgendwie scheiße.
Sie erzählt, dass die Zeit nur so dahingeflogen sei, sie hätten gar nicht auf die Uhr geschaut. Und das, obwohl sie auf dem Flur saßen. Ihr Handy bimmelt, es ist Lukas, er hat heute seinen freien Tag, schön für ihn, sage ich.
Wir zahlen, und verlassen das Krankenhaus, ich trage ihren Koffer zum Wagen, ich habe das dumpfe Gefühl, dass ich Lukas irgendwo zwischen der dreckigen Unterwäsche mitschleppe, und würde den Koffer gern einfach abstellen, und einfach so prophylaktisch wegen der Seuchengefahr oder anderer übertragbarer Krankheiten verbrennen.
Ein Mann trägt einen Plastiksack voller Urin in einer Aldi-Tüte durch die Gegend. Ich weiß das, ich habe ihn jeden Tag hier gesehen, der Katheter führt aus seinem T-Shirt bis in die Aldi-Tüte. Ich nicke ihm zu, wir werden uns nie wieder sehen. Dann schließe ich den Wagen auf, wir setzen uns rein, und dann sagt sie, danke, dass ich jeden Tag hier war, und ich sage ihr, dass ich sie liebe. Wir lächeln, der Rückwärtsgang klemmt, dann geht er doch, wir fahren nach Hause.
Fortsetzung folgt… Alle bisher erschienenen Kapitel lesen
„All des Königs Pferde“ ist eine Novelle von Mischa-Sarim Vérollet aus dem Jahre 2007. Sie erschien erstmals 2007 als selbstfotokopiertes A5-Heft in kleinster Auflage und wird in den nächsten Wochen in einzelnen Kapiteln als Fortsetzungsnovelle auf AMY&PINK veröffentlicht – roh und bis auf auffällige Rechtschreibfehler unlektoriert in der Originalfassung.
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Stadthunger abgeschlossen?
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Ich glaube Mischa bringt das, was Amy&Pink überhaupt erst lesenswert macht.
obwohl Hannah auch oft tolle Gedanken hat…
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Nachdem man vom Stadthunger nichts mehr hört/liest endlich neuer Stoff hier – gefällt!
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ich freue mich sehr darauf, mehr von mischa zu lesen und auch auf die weiteren kapitel ;)
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Wunderbar. Freu mich auf die Fortsetzung.
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Mit „Scrivener 2“ kannst Du ePub exportieren. Also einfach als eBook selbst publishen. Yeah!
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Danke euch <3
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juhu! mehr!
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das ist ein guter text, hab ich gern gelesen und ich freu mich auf die fortsetzung.
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Top.
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super soweit, ich freu mich drauf!
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gut!
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