Ein gespieltes Stillleben
Foto: Tobis
The American
Ein gespieltes Stillleben
Mischa-Sarim Vérollet  /  Donnerstag, 16. September 2010

Schweden. Ein Paar genießt die traute Zweisamkeit in der endlosen Schneelandschaft, als sie jäh aus ihren Träumen gerissen werden. Seine Vergangenheit hat den Mann eingeholt. Und er weiß, dass er sie abstreifen muss, wenn er das, was vom Leben noch übrig ist, genießen möchte…

George Clooney spielt den Killer in „The American“ und er will alles zurücklassen. Sein altes Leben, seinen alten Job und die Leichen, die seinen Weg pflasterten. Ein letztes Mal nimmt er einen Job an, es soll sein Abschied sein, doch schon bald wird nicht nur für ihn klar, dass der Weg raus so steinig ist, wie die steilen Straßen des italienischen Dorfes, in das er sich zurückgezogen hat. Auf dem Weg ins Dorf fährt er durch einen langen Tunnel, der lange Zeit ausweglos scheint, bis am Ende tatsächlich ein Licht auftaucht, das jedoch genauso trügerisch dünkt wie die wenigen zwischenmenschlichen Beziehungen, die der einsame Killer hat.

Anton Corbijn, der mit „Control“ ein zeitloses Meisterwerk schuf, ist Fotograf. Man merkt es in jeder Einstellung, in jeder Szene seines neuen Films „The American“, der diese Woche ins Kino kommt. Da ist diese Szene im ersten Drittel des Films, die so sinnbildlich anmutet. George Clooney tritt vor die Tür seiner vorübergehenden Bleibe und blickt auf die in den Berghang gebauten Häuser des kleinen italienischen Dorfes hinab. Es ist nicht sein prüfender Blick, der fesselt, sondern sein bronzener Teint und seine silbernen Haare, die sich im Grau und Braun der alten Steine zu spiegeln scheinen. Der Film ist ein gespieltes Stillleben und eine tiefe Verneigung vor „Spiel mir das Lied vom Tod“. Worte werden kaum gewechselt. Schüsse noch weniger. „The American“ ist kein Action-Film, er ist ein Film über das Loslassen. Das Loslassen eines Lebens und das Beginnen eines neuen. „Es geht um Schönheit, Tod und einige fundamentale Fragen des Lebens“, sagt Anton Corbijn in der Berliner Zeitung. Und um das zarte Festhalten an einer verblichenen Jugend eines Mannes an der Schwelle zum Alter. Niemand könnte diese Figur besser spielen, als George Clooney.

Es ist nahezu bizarr, dass ein so stiller, leiser, poetischer Film wie „The American“ das splatterhafte Krawallepos „Machete“ von Robert Rodriguez, das bereits im Red-Band-Trailer mit Abseilaktionen an Därmen blutrot glänzte, am Startwochenende in den USA auf den zweiten Platz verwies. Wenn man die obligatorischen patriotischen Dumpfbacken, die allein aufgrund des Titels in den Film gingen, abzieht, hatte der Film immer noch genügend Anziehungskraft auf ein erstaunlich großes Mainstreampublikum. Man kann es diesem wunderbaren Film und seinem Regisseur nur gönnen. „Diesen Erfolg hätte ich nie für möglich gehalten“, sagt Anton Corbijn selbst im Interview mit der Berliner Zeitung. „Ich neige mein Haupt in Demut.“ Wir verneigen uns vor einem großartigen Regisseur.

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5 Kommentare

  • Al Arenal sagt...

    Liest sich ein wenig wie “Michael Clayton”. Also setze ich ihn mir mal auf die Liste.

  • Jan sagt...

    Anton Corbijn ist für mich ein Held seit er all die Jahre Bühnenbilder und die wohl größten Depeche Mode Songs inszeniert hat. Danke dir für diesen Tip, werd ich mir ansehen.

  • Mischa sagt...

    @Al Arenal: “Michael Clayton” ist jetzt gar nicht mal so’n abwegiger Vergleich. Weniger inhaltlich und charakterlich, mehr atmosphärisch. Ja.

  • Matt sagt...

    Ich warte sehnsüchtig auf solch ein Werk!

  • [...] Film überzeugt durch seine Andersartigkeit. Leute, die ihn als “ein gespieltes Stillleben” bezeichnen, haben vermutlich recht. Denn das [...]

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