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Synästhesierter Sommer
Foto: AMY&PINK
Die Songs meines Lebens
Synästhesierter Sommer
Von Mischa-Sarim Vérollet
Veröffentlicht: Mittwoch, 1. September 2010

Wir hatten überlebt. Die Jahrtausendwende war gekommen und hatte uns kurz enttäuscht, um schließlich auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Mit den Eltern hatten wir vor dem Fernseher gesessen, aber da war die Luft schon raus gewesen; als klar wurde, dass Australien noch stand und selbst das übertechnologisierte Japan dem Monster Milleniumbug getrotzt hatte, wartete man nur darauf, endlich ins Bett gehen zu können. Dass man sich überhaupt die Mühe gab, bis null Uhr aufzubleiben, war allein der Vorstellung geschuldet, einer diffusen Idee von Kindern später erzählen zu können, dass man 31.12.1999 um 23.59 Uhr keinen Spaß gehabt hatte. Das neue Jahrtausend begann, wie das alte geendet hatte: gefangen in adoleszenter Langeweile, weit ab von dem, was naive Träumer die Zeit ihres Lebens nennen. Es war ein neues Jahrtausend, aber es hatte sich nicht viel geändert.

Und doch war vieles anders. Ich hatte mich daran gewöhnt, eigenes Geld in der Tasche zu haben, ich hatte mich daran gewöhnt, nicht mehr mit Mama zu C&A gehen zu müssen. Es war der Sommer, in dem man endlich begriffen hatte, dass Jeans auch gut aussehen können, es war der erste Sommer, der die Klamotten trug, die man sich selbst ausgesucht hatte. Es war überhaupt der erste richtige Sommer. Wir verließen unseren Kokon, für immer, und auch wenn wir uns hin und wieder zurücksehnen würden, in diese Geborgenheit der Kindheit – die neugewonnene, ungewohnte Freiheit roch so gut wie der Frühling nach den harten Wintern von früher. Wir trugen H&M-Jeans, die guten, als die Schweden noch Jeans zu machen wussten, dazu Chuck’s und Logo-Shirts, weil wir das auf VIVA II in den Videos amerikanischer Emo-Bands so gesehen hatten

Wir hörten Emo. Emo, das waren damals Chuck’s und Logo-Shirt, zweistimmige Moll-Harmonien zu Metal-Riffs von weißen Vorstadt-Jungs mit Frisuren, die auch Tony Sopranos Ansprüche an einen Schwiegersohn erfüllt hätten, und das einzige, was geritzt wurde, war eine Kerbe auf der Liebeskummer-Skala. Und dabei war das noch nicht mal „Emo“, was wir hörten. Es war höchstens Borderline-Emo, denn Emo war nur das, was der tätowierte Typ im Vinyl-Laden Emo nannte, aber wir hörten Sunny Day Real Estate, Jimmy Eat World, The Promise Ring, Thursday, und wir definierten es als Emo und darum war es Emo. Wir waren weiße Vorstadt-Jungs mit Frisuren, die unsere Mütter bezahlt hatten und deshalb so aussahen, wir trugen Klamotten, die so aussahen, weil es VIVA II gab.

Es war der erste Sommer unseres Lebens und der Soundtrack hätte nicht passender sein können. Wenn wir durch die Stadt flanierten, die Sonne im Herzen, den Wind im Rücken, den Discman in der Hand, dann hörten wir „Something to write home about“ von The Get Up Kids. Und damit war alles gesagt. Mit einer Platte war alles gesagt, was zu sagen gewesen wäre, und die Get Up Kids sagten es, sangen es, schrien es, und wir hörten es, selbst wenn der Akku des Discmans leer war, die Musik lief weiter, in unseren Köpfen, wie auf Knopfdruck, wenn die Sonnenstrahlen unsere Haut berührten und die Haare sich aufstellten. Unser synästhesierter Sommer.

Everything that we’ve found / Says make your own destiny. But / You’re unaware that you / Should be scared. / Maybe you’ll learn from mistakes that we make. / We’re not waiting forever.

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8 Kommentare

  • hannah sagt...

    aaaaaaaaaaah the get up kids!!! <3 hab im urlaub erst mit nem kumpel drüber gesprochen schön schön schön schön

  • hannah sagt...

    naja..kumpel…du weisst schon mit wem mischa ;)

  • Torsten sagt...

    Gab es damals schon den Begriff Emo? Krasse Scheiße… Öhm, wo is mein Cutter?

  • Ines sagt...

    <3 <3 <3

  • dopey sagt...

    hey, mischa, du wirst mir immer sympathischer.
    jetzt klärst du hier auch noch über den ursprünglichen emo auf, der nichts mit ritz- und schminktipps aus der bravo zu tun hat.
    allen die sich dafür interessieren, sei der wirklich gute wikipedia-artikel zum thema empfohlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Emo

  • Ninia sagt...

    Das Bild ist übrigens ‘n Knaller. Text natürlich auch.

  • Lara sagt...

    Hach, dabei gerät man glatt ins Schwelgen… in der Vergangenheit…
    Und das Foto – ich dachte erst so “Hö, ein Artikel über William Fitzsimmons?” ;)

  • Markus Freise sagt...

    Junge. Du wirst noch ein Pathet erster Kajüte.

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