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Die Wahrheit über Bielefeld
Foto: Carolin Wessel
Ein Google StreetView-Gedicht
Die Wahrheit über Bielefeld
Von Mischa-Sarim Vérollet
Veröffentlicht: Dienstag, 17. August 2010

Am Hang des schönen grünen Teuto liegt eine Stadt, dafür bekannt, dass sie trotz Autobahnbeschilderung bis heute niemand wirklich fand. Schon seit Jahrzehnten heißt es unkend, erzählt man sich von jenem Ort, dass dorthin viele Wege führten, aber sei man da, so sei er fort. Als hab’ es ihn niemals gegeben, als sei er Lüge, dreister Trug, als sei er Täuschung, doch in Wahrheit ist das zwar Unsinn, aber klug. Denn dort, wo Menschen Orte wähnen, die es laut Streetview gar nicht gibt, verbirgt sich gern mal Utopie, die die Neugierde gar nicht liebt.

Die bevorzugt im Verborg’nen waltet und Hirngespinste in Kauf nimmt, und deshalb auf die Frage: „Ehrlich? Dich gibt’s nicht?“ stets einsilbig erwidert: Stimmt! Denn wenn eins gemeine Ostwestfalen mehr hassen als das Lipperland sind’s riesige Touristenmassen mit Camcordern in der Hand, samt Einwegkameras, Tagebüchern – zu schnell bekäm’ man davon Wind, dass die Bürgersteige dieses Städtchens in echt aus Zuckerwatte sind, auf der man – fällt man – ganz weich landet, und, entlockt’ der Schrecken fast ‘nen Schiss, ganz schnell Trost fänd’ nähm’ man dann herzhaft einen Zuckerwattenbiss.

Das Koks wird dort von einem Doktor farblich bunt bereitgestellt, und kauft man’s dann bei Tante Emma gibt’s nicht nur Pudding für das Geld. Und am Himmel, dort, kreist ein Pilot, der sein Flugzeug durch den Luftraum lenkt, an dessen unterer Befestigung ein riesengroßer Duftbaum hängt. Die Ampeln leuchten nachts im Takt und wechseln schnell und manchmal schneller. So ist der so genannte Jahnplatz ein stadtbekannter Partykeller, wo man sich trifft und glücklich feiert, und macht aus Tagen werte Nächte. Man hat sich lieb und lacht und tanzt, ist statt auf Extasy auf Werthers Echte.

Ja, im Herzen der Provinz, im Oberzentrum OWLs, ticken Uhren nicht bloß anders, sondern wie’s jedem gefällt. Und darum bleibt die Stadt verschwunden, in berüchtigter Verborgenheit, damit die Menschenmasse fern und das Paradies Geheimnis bleibt. Stichwort: Geheimnis. Auch das ist wahr, ist diese Stadt Experiment, und dient der Wissenschaft als Hort für Kuriositäten die man kennt. Elvis Presley? Lebt. Und wohnt dort, schreibt neu seine Geschichte. Und beim Poetry Slam im Bunker rezitiert der King höchstselbst Gedichte.

Und der Ehrenbürger dieser Stadt, wer könnt’ es anders sein als er: Ja, JFK, einst abgetaucht, dank CIA jetzt Pensionär. Und auch Atlantis, das mag wundern, vermutet man im Meierteich, so erzählt der eine oder andere und ward mit immer selber Leier reich. Von Extraterrestrischen ganz zu schweigen, deren Mutterschiff, was kaum wer weiß, einst landete und fortan blieb und heuer jetzt Kunsthalle heißt. Die Alienkönigin blieb an Bord, und wie es heißt, dort jetzt auch wohnt, so sieht man ab und an beim Brötchenkauf die Alienkönigin, Yoko Ono.

Nicht zu vergessen, Einhorn Ernie, in Vergangenheit sehr oft gesichtet. Das letzte Einhorn seiner Art wird zunehm’d selten abgelichtet. Und grüb’ man dann an mancher Stelle, ein wenig tiefer, tiefer noch, fänd man vielleicht mit bisschen Glück, des Bernsteinzimmers Rückzugsloch. Und genau deshalb entschied man einst, vor vielen, vielen, vielen Jahren: Von diesem Paradies auf Erden darf niemals Google ‘was erfahren. Man heuert’ ‘nen Agenten an, ganz harmlos als Student verkleidet. Der streute ein Gerücht im Netz, um das man sich bis heute streitet.

Und zusätzlich, zwecks Sicherheit, von der CIA wurd’ es erdacht, hat um die Grenzen dieser Stadt, eine Tarnkappe man angebracht. Doch so erfolgreich wie Arminia funktioniert kein Täuschungsapparat. Verwirrt durch Auf- und Wiederabstieg entnervt man sich die Jagd erspart. Ihr denkt, ich lüge? Propaganda würd’ meine Worte lenken? Nun, wollt ihr das Gegenteil beweisen, müsst ihr die Stadt schon finden tun. Ihr könnt mir glauben oder nicht, macht’s so, wie’s euch gefällt, doch fragt ihr mich, dann sag ich: Klar! Das ist die Wahrheit über Bielefeld.

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3 Kommentare

  • Jan sagt...

    Was Bielefeld braucht ist ein Streetview-taugliches Outfit. Mit ein wenig Hilfe ( http://streetwear-optimization.com/ ) werden sie aus der Versenkung auferstehen. “Just look awesome when the car comes”

  • Geiler Text und absolut passend. Da fühlt man sich fast wie nicht zu Hause :D

  • [...] Weiterlesen hier Geschrieben am Dienstag, 17. August 2010 Abgelegt unter Uncategorized. Diskussion zu diesem Beitrag per RSS 2.0 Feed verfolgen. Sie können diesen Beitrag kommentieren oder einen Trackback von Ihrer eigenen Webseite setzen. « Suchmaschine Bing heute mit den Externsteinen   [...]

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