Veröffentlicht: Samstag, 21. August 2010
Ohne das Konzept Wohngemeinschaft wäre ich vermutlich schon lange tot. Jeder meiner vergangenen Mitbewohner rettete mir mindestens einmal das Leben. Egal ob ich den Gasherd anließ, mich in einer lauschigen Dezembernacht bei bei -12° Celsius in einem durchsichtigen Nachthemd aussperrte oder beim Schlafwandeln eine Packung Erdnüsse aß, auf die ich nunmal mit Atemnot und einem raschen Anschwellen meines gesamten Kopfes reagiere – in letzter Sekunde kam immer der Mensch aus dem Zimmer nebenan, um mir zu Hilfe zu eilen.
Aber auch abgesehen von der Überlebenshilfe bringt das Zusammenwohnen viele Vorteile. Es ist billig, macht Spaß und es ist immer jemand da, dessen Kühlschrankfach gefüllt ist. Wobei das ja fast schon wieder unter Lebensrettung fällt. Außerdem finde ich es spannend, unterschiedliche Menschen und deren Lebensweisen kennenzulernen. Ich liebe meine aktuelle Mitbewohnerin abgöttisch. Wir haben den gleichen Modegeschmack, können ganze Abende damit zubringen über fette Mädchen in Röhrenjeans zu lästern und machen seit meinem Einzug vor fünf Monaten durchgehend die unterschiedlichsten Diäten, zwischen denen wir uns mit Schokolade und Kartoffelbrei vollstopfen als gäbe es kein Morgen mehr. Wenn ich Abends nicht allein sein kann, macht sie eine Flasche Wein für uns auf, sie zwingt mich auszugehen wenn ich Liebeskummer habe und versichert mir am nächsten Morgen, dass der Typ, der mir eine falsche Telefonnummer gab, eine totale Hackfresse hatte. Eigentlich ist das alles ganz schön. Außer manchmal. Wenn ich sie töten möchte.
Weil sie nämlich genau die gleichen Klischeemacken hat, wie jeder andere Mitbewohner, mit dem ich bis jetzt das Vergnügen hatte. Alle haben sie eine Vorliebe für nächtliche Ruhestörung, eine Abneigung gegen das Spülen von Töpfen und Pfannen und obendrein leiden sie an chronischer Unfähigkeit meine Lebensmittel von ihren eigenen zu unterscheiden. Seit ich in WGs wohne, fühle ich mich bestens gerüstet für eine Zukunft als Mutter. Die wichtigsten Regeln für das Zusammenleben mit Mitbewohnern sind die gleichen, die auch für das Zusammenleben mit Kindern gelten: 1. Für Süßigkeiten, Alkohol und Drogen gibt es kein sicheres Versteck. Sie finden alles. Am besten schaffst du das Zeug gar nicht erst ins Haus. 2. Sei um Gottes Willen ruhig beim Sex, wenn du nicht willst, dass sie irgendwann im Türrahmen stehen und schockiert zusehen. 3. Wenn sie am nächsten Morgen immer noch nicht da sind, besteht Grund zu Sorge. Immer.
Die auffälligste Gemeinsamkeit von Kindern und meiner Mitbewohnerin: Hinter dem süßen Kulleraugengesicht steckt ein unfassbares Zerstörungspotential. Ob sie nun gewaltsam den halbem Wasserhahn aus dem Waschbecken reisst (“Ich habe nur ganz normal zugedreht, ehrlich!”), Telefonanschlüsse zerstört oder meinen ganzen Satz teurer Rotweingläser nach und nach beim Abspülen zerbricht. Sie macht es nie absichtlich – aber dafür sehr konsequent. Aber das sind Dinge, über die man mit ein bisschen Übung hinwegsehen kann. Das regelmässige “Wir haben übrigens deinen Wodka getrunken…” ist dagegen nur schwer verzeihlich. Genauso wie die Tatsache, dass ich jeden zweiten Morgen kalt duschen muss, weil sie gerne mal drei Stunden lang das ganze warme Wasser verbraucht.
Wenn sie abends aus der Arbeit kommt, hat sie schlechte Laune. Wenn sie morgens aus dem Bett steigt auch. Und dazwischen sowieso. Ausserdem hat sie diese besondere Gabe meinem Männerbesuch den Kopf zu verdrehen. Ich hasse es wenn das passiert. Ständig muss ich die Porno-Phantasien meiner Freunde abkühlen, in denen wir mädchenhaft kichernd den ganzen Tag nackt durch die Wohnung tollen, und werde um das Privileg beneidet, sie morgens nach dem Duschen sehen zu dürfen. In all diesen Momenten möchte ich mich an den Computer setzen und ein Wohnungsgesuch aufgeben. Nie wieder WG. Einfach mal Ruhe haben, nicht mehr das Stöhnen aus dem Nebenzimmer mit Hardcore-Musik übertönen müssen. In Hello-Kitty-Unterwäsche durch die Wohnung moshen, Slayer in einer angemessenen Lautstärke hören und nebenbei die sexy Sportclips auf DSF gucken. Endlich nackt und ungeschminkt auf dem Küchenboden sitzen und Nudelsuppe direkt aus dem Topf trinken ohne dabei erwischt zu werden. Sturmfrei für immer. So stelle ich mir das wahre, das richtige Leben vor.
Naja, zumindest bis sie dann wirklich mal für ein paar Tage zu ihren Eltern fährt. Denn bereits nach 24 Stunden stelle ich fest, dass Misosuppe zum Frühstück allein irgendwie nur halb so gut schmeckt, dass es blöd ist, den sexy Nachbarn unten im Garten allein anzuschmachten und ich Angst allein im Dunkeln habe. Und in diesen Augenblicken wird mir bewusst, dass ich tatsächlich die Einzige bin, die das Privileg hat, zuzusehen wie sie morgens nach drei Stunden im Bad nackt und nass aus der Dusche steigt. Fuck, so kann ich ihr einfach nicht böse sein.
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Hahaha “…über fette Mädchen in Röhrenjeans zu lästern…” , ich glaube wir haben da was gemeinsam!
Richtig schöner und lustiger Beitrag!
Nackt durch die Wohnung in Hello Kitty Unterwäsche moshen… pures Kopfkino :D
Jetzt kommen die Erinnerungen wieder hoch: Große Alkoholvorräte, Das gesamte Besteckinventar, dass am Boden der großen Spüle liegt, komische Gäste, ein geheimnisvolles Spaghettirezept, Tränen, Staub und eine Geburtstagsfeier. ich weiss, wieso das eine Erfahrung ist, die man unbedingt gemacht haben sollte und wieso ich jetzt unwahrscheinlich gerne alleine wohne.
Ich freu mich schon auf meine Studienzeit.
Ich will dein Mitbewohner sein!
Bei solchen textten freut man sich doch noch viel mehr auf die anstehnden WG Jahre. :)
Toller Beitrag! Bitte mehr von deinen ungezügelten Gedankengängen :D
Brauche immmernoch ein Zimmer in Hamburg?!?! Tut was, schnell… ^^
Auch von mir ein Lob – sehr toller Beitrag! In deinem Satz mit Hello Kitty und Slayer erkenne ich mich voll und ganz wieder ;)
@Pablo: Meine Freundin Anne sucht in Hamburg dringend einen dritten Mitbewohner :) Wenn du auf ihrer Seite bist und dich an die Regeln dort hälst und nicht HEULST! (Sie hat mir nur von Jammerlappen aus Hamburg erzählt), biste bestimmt herzlich Willkommen.
Wenn du Interesse hast, sag mir, wie ich dich kontaktieren kann.
Und zum Beitrag: Ja er ist wirklich amüsant. Musste viel grinsen.
Ich hab schon meinen perfekten Mitbewohner gefunden und liebe es <3
@irgendwie bizarre: Genial, hier mal meine Mail:
pablo@medialermurks.de ;)
Sorry Marcel das hier dein Blog zur Wohnungsvermittlung genutzt wird :D
Macht nur. Aber sagt hinterher nicht, ich hätte euch nicht gewarnt. :)
Wenn du glaubst, deine Wünsche gehen Erüllung, kannst du noch länger warten, denn so lange du Mitbewohner hast, die dir den Alltag auferlegen, wirst du keine Chance haben. Ist gemein, ich weiss, aber es ist wahr, leider. Kopf hoch!
Ohne Mist.GENAU SO ist es.
Kann ich direkt unterschreiben.