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Als die Blümchentapete erschien
Foto: AMY&PINK
Wonderwall
Als die Blümchentapete erschien
Von Hannah Maria Paffen
Veröffentlicht: Sonntag, 25. Juli 2010

Nun sitze ich hier. In 65 Quadratmeter leeren Räumen. Eigentlich ganz gut gestrichen, aber dann kam Omas Blümchentapete zum vorschein und es fühlt sich komisch an. Leer halt. Wenn man laut “Hallo” sagt oder sonst irgendwelche komischen Geräusche von sich gibt, dann ist alles hohl und es hallt. So wie wenn Caro früher ihren Kopf während dem Telefonieren in den Kühlschrank gesteckt hat, um mir verbal zu vermitteln, dass mal wieder dringend eingekauft werden sollte.

Caros Kopf im Kühlschrank gibt’s nicht mehr und in meinem ist auch nicht wirklich viel drin. Ich liege auf drei Isomatten mit meinem Schlafsack, der Laptop auf den Beinen und neben mir stehen drei Grablichter. Macht eigentlich ein recht schönes Licht in Kombination mit der Helligkeit meines Computers. Ein paar Sachen stehen hier noch. Pinsel und so ‘n Zeug und eine Zierpflanze hat es auch noch nicht ins neue Heim geschafft. Ich starre auf den Fleck mit der Blümchentapete vor mir. Wäre jetzt wieder “in” das gut Stück. Vielleicht brauche ich ja gar nicht zu tapezieren.

Was hier in den Räumen schon alles passiert ist. Heiße Tränen, lautes Lachen, Schreien, Flüstern, Stöhnen. Soll es hier alles schon gegeben haben. Und wird es wohl auch noch in Zukunft eine Weile geben. Drei Mädels ziehen hier wieder ein, so wie ich vor drei Jahren. Neue Stadt, neue Schule, neues Leben, alles war megaaufregend und jetzt ist die Zeit vorbei. Der Mietvertrag gekündigt, die Wohnung leer und sogar fast schon ganz gestrichen. Komisches Gefühl. Man verlässt einfach ein Stückchen Erde auf das man so viel Zeit verbracht hat und kommt sehr wahrscheinlich nie wieder zurück. Was will man auch noch hier, in einer Wohngegend.

Die neuen Mieter werden einen wohl kaum noch einfach mal so in die Wohnung lassen um noch mal zu schauen zu dürfen, was hier denn so abgeht. Meinen Heimweg, vorbei an der dicken Katze die immer am Fenster sitzt wird es auch nicht mehr geben und ich werde wohl nie erfahren, wann sie sich jetzt genau überfressen hat. Der Getränkemarkt mit den zahlreichen Alkoholikern gehört dann auch der Vergangenheit an. Mein 17-Jähriger Nachbar, der mir immer durch den Spion winkt, weil er irgendwie weiß, dass ich immer rausschaue, wenn ich an der Türe vorbeihusche, wird wohl jemand anderem zuwinken müssen und das Lauschen des Babygeschreies am Morgen hört wohl auch endlich auf.

Und da denkt man, dass man die eigenen vier Wände kannte. Immerhin hat man da drüben genäht und hier hat man geschlafen und auf einmal, beim banalen Streichen fällt die alte Farbe von den Wänden, die Raufasertapete sucht das Weite und es kommt eine geblümte Tapete zum Vorschein. Die ganze Wohnung bekommt auf einmal ein anderes Gesicht und man merkt, dass man vielleicht hier nie wirklich zu Hause war bzw. sein Zuhause doch nicht so gut kannte wie man zuvor immer dachte.

Zum Schluss hinterlässt man einfach nur ein paar weiße Wände und im Kopf bleiben ein paar Gedanken kleben. Man nimmt eine ganze Menge mit, aber lässt man auch etwas da? Außer die Kratzer auf dem Parkett und die Rostflecken auf der Fensterbank? Vielleicht einen kleinen Teil von sich selbst, der sich in den Wänden dieser Wohnung festgesetzt hat? So ein bisschen wie in den ganzen Gruselfilmen. Ich fange an zu spinnen. So spät in der Nacht. Kein Wunder, wenn die einzigen Lichtspender Grablichter sind und man jetzt wegen mangelden Fernseher ausnahmsweise mal nicht die Astrofrau um Hilfe bitten kann.

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Über die Autorin

Hannah lebt zur Zeit in Kempten, studierte Modedesign und widmet sich nun der Betriebswirtschaftslehre, um die Pflichten einer angehenden Weltherrscherin perfekt umsetzen zu können. Ihr größter Traum ist es, in naher Zukunft in einem billigen Horrorfilm mitspielen zu können. Als taffe Vampirjägerin. Oder modriger Zombie. Mal gucken. Alle Artikel von Hannah lesen oder eine eMail schicken.

7 Kommentare

  • Marlen sagt...

    Einer der schönsten Texte, die ich bisher hier gelesen habe.

  • Matze sagt...

    Wirklich seit längerem mal wieder ein richtig toller Text, der noch dazu ganz ohne Brüste auskommt :)

  • Fabian sagt...

    Jep, super Text. Und wer braucht Brüste, wenn man ein Bild wie das obige sehen darf? Traumhaft.

  • angentha sagt...

    Wunderbar!!! Ich weiß genau, was du fühlst, bin ich in meinem Leben doch mehr als einmal umgezogen… Der nächste Umzug steht schon vor der Tür, dieses Mal geht es allerdings nur eine Etage höher, und doch: 7 Jahre habe ich in dieser Wohnung verbracht, bin mit meinem Mann hier nach einer Trennung wieder zusammen gezogen, um dann nach 3 Jahren festzustellen, dass es doch nicht weiter mit uns geht. Eine neue Beziehung folgte, diese wurde vor Kurzem wieder beendet (mit noch viel mehr Drama), nun müssen DRINGEND neue Wände her – ich halte es in diesen nicht mehr aus… Noch dazu verlässt mein Sohn dieses Zuhause, um in einer anderen Stadt zu studieren.

    Alles Gute wünsche ich dir und mir in unserem neuen Zuhause!!!

  • jeffree sagt...

    Wow ! Ich hab mich verliebt

  • steffi sagt...

    und ich mich in den text

  • Philipp sagt...

    “Drei Mädels ziehen hier wieder ein, so wie ich vor drei Jahren.” – Geil, Doppelschizophrenie.

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