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Eins von Dreitausend
Foto: Alice Beasley
Kleine Welten hinter Glas
Eins von Dreitausend
Von Mischa-Sarim Vérollet
Veröffentlicht: Dienstag, 27. Juli 2010

Ich komme einfach nicht weiter. 3.000 Teile. Beim Puzzle, so sagt man, ist der Himmel das Schwierigste. Wo anfangen, also erstmal aufhören, raus, an die frische Luft. Ich rieche das Korn von vorgestern und den Schweiß der letzten Woche, auch dann noch, als ich im Flur stehe und die Tür ins Schloss fallen lasse. Heute hat er noch nicht das Sofa verlassen, denke ich, als mir der Mann hinter der Tür gegenüber, die immerzu immer zu ist, durch den Kopf geht, und mir fällt auf, dass das einzige Lebenszeichen neben der wie ein Damoklesschwert der Tristesse über dem Treppenhaus schwebenden Dunstglocke seiner Duftnote die pervers liebevoll handgefertigten Buddelschiffe sind, in jedem Stockwerk auf jedem Fenstersims, eine Ahnung von Normalität, kleine Welten hinter Glas, kleine Fluchten aus einem Alltag voller Aufstehen, Anziehen, Nummer ziehen und Herrengedeck.

Versuch es mal, schreit sein Blick, wenn wir uns mal im Treppenhaus begegnen, versuch es mal, nicht zu trinken, wenn du schwer vermittelbar bist, und es fällt seiner Frau so schwer ihm zu vermitteln, wie viel Unterschied ein kleines bisschen Deodorant, ein kleines bisschen Mühe macht. Es sind die kleinen Dinge, aber er steht nicht auf, und wozu auch, bei einer Frau und einem Sohn, denen er völlig egal geworden ist, und ich schließe die Augen, und sehe ihn, seit Jahren auf dem gleichen Platz auf seinem Sofa, der Abdruck seines Hinterteils wie die mitleiderregende Mimikry eines Stammtischschilds. Es sind die kleinen Dinge, aber auch die hat er aufgegeben, als seine Finger es nicht mehr mitmachten, die Masten mithilfe der kleinen Fäden in der Flasche hochzuziehen. Es hat doch keinen Zweck, denkt er, schwer atmend auf seinem Sofa, die Delle seines Hinterteils in den Polstern nunmehr ein Strudel ohne jede Fluchtmöglichkeit.

Ich verlasse mein Stockwerk, und steige die Treppen hinab. Ich begegne dieser Frau im Treppenhaus, ich begegne ihr jeden Tag, sie hat diesen traurigen Blick eines Menschen, der schon alles gesehen hat und gern drauf verzichtet hätte, dieser Blick, der „zu spät“ sagt und „vielleicht doch noch“ meint. Ich begegne ihr jeden Tag, und sie senkt ihren Blick, wenn sie mein „hallo“ erwidert, fast widerwillig, fast unfreiwillig grüßend, als sei es ihr lieber gewesen, ich hätte sie ignoriert oder nicht bemerkt und das Spiel der ganzen Straße mitgemacht, mich an die Regeln gehalten, und ihr nicht stattdessen ins Bewusstsein gerufen hätte, dass ich sie so gesehen habe, hier, wie sie steht, den Hausmüll heraustragend, mit ihren asphaltgraumelierten Haaren, ihrer vom Alltag gegerbten Haut, den Hausmüll heraustragend mit ihren in Trümmern liegenden Fingernägeln, und es würde es nicht besser machen, wenn sie wüsste, dass sie meine tägliche selektive serotonin Wiederaufnahmehemmerin ist, meine Steighilfe mit in Trümmern liegenden Fingernägeln.

Es fängt immer mit den Fingernägeln an, geht es mir durch Kopf, und endet nicht erst bei den unrasierten Achseln, anatomisierte Resignation, und wer kann’s ihr verübeln, sind doch die einzigen Männer, die einen wenn auch alkoholisierten Hauch von Interesse an ihr zeigen jene aus der Trinkhalle von diesem ungewollten Stammtisch der Zurückgelassenen, Männer, die sie früher in einer besseren noch optimistischeren Zeit nicht eines Blickes gewürdigt hätte, denen sie jetzt infolge dieser gesellschaftlichen Schicksalsgemeinschaft mehr Aufmerksamkeit einräumt, als es ihre durch Zeit und Frust erstickte Würde ertragen könnte. Es fängt mit den Fingernägeln an. Aber egal wie unpolitisch unrasiert die Achseln sein mögen, geschminkt wird weiter, Make Up bleibt, ein letztes Aufbegehren des fast in seiner Existenz vergessenen Selbstwertgefühls, aber natürlich zu viel, viel zu viel, viel zu dick aufgetragen, so dass jeglicher Protest der Haut im Keim erstickt wird, aber wenn sie jetzt noch und überhaupt reden könnte, würde sie seufzend fragen, was das denn jetzt noch bringen soll. Ich möchte ihr sagen, dass ich ihr Make-Up mag. Ich sage es ihr nicht.

Ich begegne ihr jeden Tag, sie putzt für alle Nachbarn das Treppenhaus, übernimmt für jeden dieser Hausgemeinschaft die Flurwoche, die sie bestenfalls ignoriert und schlimmstenfalls mitleidig gönnerhaft für den Bruchteil zwischen Wochenendamüsements wahrnimmt, und verdient sich so noch die eine oder andere Mark dazu, um die Miete zu stemmen für eine Wohnung in einem Haus, dass sie sich nicht leisten kann, ein Haus, in dem sie doch nur geduldet wird, und ich habe mich schon oft gefragt, warum sie, die sie sich diese unwirklich unwirtlichen vier Wände nicht leisten kann, nicht in eine finanziell und menschlich angemessenere Umgebung zieht, aber dann kapiere ich, dass sie sich mit dieser Wohnung ein kleines bisschen Normalität bewahrt in ihrer Welt, einer Welt zwischen einem Sohn, der sie verachtet und einem Mann, der nie da ist, obwohl er da ist. Nur ein kleines bisschen Normalität, eintauchen zwischen die Anderen, einfach mal eine von vielen sein. Eine von uns. Home is, wo es hart ist. Ich verlasse das Treppenhaus, lasse sie zurück, wie jede Woche, wie jeden Tag, ich lasse sie zurück beim vergeblichen Versuch, die Hoffnungslosigkeit von den Stufen zu wischen.

Draußen der Junge, er schleicht durch die Straße, den Blick gesenkt auf den Fußball, den er mehr im Vorbeigehen mit den Füßen vor sich hertreibt, den Blick gesenkt, und er denkt an seinen Vater, der jetzt grad mit ihm spielen sollte, aber nicht vom Sofa hochkommt, er denkt an seinen Vater, den Superhelden, mit den Superkräften, sein Superheldenvater mit den Superheldenvaterkräften, sein Vater, der ihn nicht in den Arm nehmen kann, weil er ihn sonst erdrücken würde, zermalmen würde er ihn mit seinen Superheldenvaterkräften, denkt der Junge, und es ist gut so, dass er nur von einer Umarmung träumen kann, denn jedes Mal, wenn der Superheldenvater die Mama streicheln möchte, schlägt er sie, aus Versehen, weil er seine Superheldenvaterkräfte nicht unter Kontrolle hat. Vielleicht gut, dass ihn sein Vater nicht umarmt, er ist doch noch so klein, denkt der Junge, wie die Buddelschiffe, die ungeachtet im Treppenhaus verstauben. Mama hält das aus, denkt der Junge. Sie weint ein bisschen, wenn sie dem Jungen nach der eskalierten Zärtlichkeit des Superheldenvaters über die Haare streichelt, sie weint ein bisschen und lacht zwischendurch, dass er sich keine Sorgen machen muss, sagt sie, sie halte das aus, und dann zuckt sie zusammen, als sie sich die Tränen aus dem geschwollenen Gesicht tupfen möchte.

Es ist nicht einfach, einen Superhelden zum Vater zu haben, denkt der Junge. Manchmal, denkt er, während er seinen Ball weiter die Straße hinunter schiebt, manchmal wünschte er sich einen normalen wie alle anderen, einen von vielen, und ich schaue ihm nach, ich schaue zum Treppenhaus und zu meiner Wohnung hoch, ich schaue zum Fenster der Wohnung gegenüber, spiegelverkehrt, denke ich, und ich schließe die Augen, atme tief durch, ich nehme den Jungen zwischen meine Finger, hebe ihn vorsichtig auf, während ich mit der anderen Hand die Frau aus dem Treppenhaus an mich nehme und mit dem Jungen zusammenpuzzle, ich nehme den schlafenden Mann von seinem Sofa und puzzle ihn dazu, ich puzzle sie alle zusammen, zu einem einzigen riesengroßen Puzzleteil und lege es zu den auf meinem Tisch verstreut liegenden dazu, eins von vielen, eins von dreitausend. Irgendwo wird noch Platz sein in der Karibik. Der Himmel, so sagt man, sei bei einem Puzzle eh das Schwierigste.

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17 Kommentare

  • vorx sagt...

    “home is, wo es hart ist.” gänsehaut. toll! wow. unglaublich in sich geschlossener text. danke!

  • Matze sagt...

    Verdammt traurig und verdammt großartig zugleich. Selbst wenn ab sofort nur noch Lolcats kämen, wäre Mischa allein aufgrund dieses Beitrags eine Bereicherung für Amy&Pink.

  • Anon sagt...

    Nicht euer Ernst, oder?

  • konrad sagt...

    mischa at his best… das leben ist keine waldorfschule!

  • Dennis sagt...

    I like it … wirklich schöner text

  • stiller sagt...

    Und gleich in seinem ersten Spiel erzielte er den entscheidenden Treffer und wurde auf Schultern getragen.

  • ben_ sagt...

    Zähl mich zu Deinen Lesern! :]

  • ksch sagt...

    Sehr schöner Text, weiter so!

  • Mischa sagt...

    Hey, ich freue mich über die Kommentare. Danke!

  • David sagt...

    Super!

    Wer ist eigentlich Wenke? Und wer Daniel?

  • Markus Freise sagt...

    Als alter Mischa-Ultra war und ist dieser Text für mich der beste Beweis, dass Mischa ein Geschichtenerzähler ist, dessen Bandbreite in seinen bisherigen Büchern nur angedeutet wurde. Nach der humorigen „Waldorfschule“ und dem (im positivsten Sinn) leicht daher erzählten „Lass uns Feinde sein“ dürfen wir noch Großes erwarten.

  • Becci sagt...

    Einfach toll. Genial & wunderbar. Ein weiterer Grund jeden Tag hier zu sein.

  • [...] über jeden, der mitkommt. Mein erster Beitrag ist bereits online, dabei handelt es sich um die überarbeitete Fassung einer Geschichte, die ich schon mal an ein oder zwei Gelegenheiten live gelesen habe, aber bislang unveröffentlicht [...]

  • Johanna sagt...

    Toller Text.

  • Christopher sagt...

    Und wieder ein Talent, das aus dem beschaulichen Ostwestfalen in die große weite Welt flüchtet…

  • to01 sagt...

    was ben_ sagt.

  • Uli sagt...

    Großartig! Hat mich total berührt, bitte mehr davon.

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