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Kreative Einsamkeit
Foto: Alex Concamera
In meinem Kopf
Kreative Einsamkeit
Von Marcel Winatschek
Veröffentlicht: Montag, 17. Mai 2010

In meinem knalligen Kopf spielen sich ständig Szenarien, Geschichten und Ausbrüche ab, die mich platzen lassen, geradezu umbringen würden, wenn ich sie nicht regelmäßig schnell und stolz aus mir heraus pressen würde. Wie eine Kuh. Mit Eutern und Milch. Egal ob textlich auf ein digitales Stück Papier, singend unter der Dusche oder indem ich aufsässige Idioten ohne Rücksicht in Grund und Boden rede. Auf hohem sprachlichen Niveau. Jedenfalls in meiner Welt, denn wenn ich vorher nicht nachdenke hört sich jedes zweite Fremdwort wie Kartoffelpuffer an. Ich liebe es schier meine Ergüsse in Bild und Wort zu fassen, in Designs, Spielereien, langen und kurzen Phrasen, Wortkotze.

Aber während ich mental onaniere muss ich allein sein, mich sowohl körperlich als auch seelisch frei fühlen. Da gibt es kein Wenn und kein Aber. Weder möchte ich dabei das Gefühl haben beobachtet, inspiziert oder ausspioniert zu werden, noch kann ich in einer kreativlosen Umgebung gute und selbstverliebte Arbeit leisten. Ich muss den Flow spüren, gefordert und gefördert werden, Aufgaben als Herausforderung sehen und nicht etwa als in Geschenkpapier verpackte Trauerspiele.

Es gibt nichts ermüdenderes und auslaugenderes als tagtäglich Missionen ohne inspirierenden Sinn und Verstand über sich ergehen zu lassen, dem Ableben aufs Neue entgegen zu treten, ohne die Welt ein wenig schöner, reicher, besser gemacht zu haben und den inneren Kampf auf Veränderung längst aufgegeben zu haben. Stillstand ist Tod und den können wir uns momentan nicht leisten.

Abenteuer riechen, die Sonne im Gesicht, keine Hosen um die Beine. Musik ganz laut, Pizza auf dem Tisch, Nachbarn am Hämmern. Stille der Nacht, Wein in der Hand, Träume am Erwachen. Das ist Kreativität. Das ist Leben. Das ist Zukunft. Mit Sinn und mit Güte und mit einer Selbstwürdigung, die nicht mit Durchhalteparolen, Kompromissen und Drangsalen ruhig gestellt, sondern durch Mut, Verstand und einer gesunden Prise Abneigung gegenüber alternativen Meinungen stetig genährt und belohnt wird.

Wie sehr würde ich mich selbst dafür hassen meine Ziele und Prinzipien für die seelische Mittelmäßigkeit zu opfern und eines Tages in einem realen Albtraum voller Angst, Farblosigkeit und mentaler Dunkelheit zu erwachen, den ich nicht mehr verlassen kann, weil ich mich zu oft für den vorgeschriebenen Weg entschieden habe und dadurch den nach vorne peitschenden Geist in mir vergaß.

Und auch wenn viele meiner Entscheidungen, Ideen und Vorhaben falsch erscheinen mögen, für Unverständnis sorgen und teils von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, so kann ich dennoch allen versichern, dass sie allesamt Sinne und Zwecke erfüllen, die sich für niemand anderen erschließen, außer für mich selbst. Weil das Leben so viel mehr ist, als immer nur das vermeintlich Richtige zu tun, ohne einen neugierigen Blick hinter das Ganze zu wagen. Doch um das zu erkennen muss man frei sein.

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Über den Autoren

Marcel Winatschek lebt in Berlin und ist Chefredakteur bei AMY&PINK. Seine meist etwas abstruse Persönlichkeit setzt sich in gleichen Teilen aus Charakteren in TV-Serien, Sprüchen ehemaliger Sportlehrer und Traumfantasien mit japanischen Karate-Kämpferinnen zusammen, dessen Summe er in einer einmaligen Art und Weise als selbstständigen Menschen ausgibt. Alle Artikel von Marcel lesen oder eMail schicken.

10 Kommentare

  • Torsten sagt...

    Geiler Text. Hab mich irgendwie wiedergefunden!

  • Nika sagt...

    Schön gesagt.

  • Florian sagt...

    Wunderbarer Text. Ich wollte schon lange ähnliche Gedanken niederschreiben, aber bisher fehlen mir die richtigen Worte. Ich kann deine Aussage nur unterschreiben, du sprichst mir aus der Seele.

  • Sara sagt...

    Alter, ich kenn’s. Aber man hält sich nur daran auf, wenn man eine Erklärung für andere sucht, so ist das halt. Hauptsache, DU weisst es (jedenfalls rede ich mir das auch immer ein)

  • Chrissy sagt...

    Tiptop Text. Die letzten zwei Absätze…

  • [...] der Marcel da sagt, ist irgndwie wahr! (…), die sich für niemand anderen erschließen, außer für mich [...]

  • joe sagt...

    ich kann unsichtbar werden – aber nur wenn keiner hinschaut – ist mein geheimes talent

  • Joe sagt...

    Wirklich sehr toller Text und trifft auch bei mir genau ins Schwarze. So ist es bei mir auch. {Mit dem Helden gleichen Namens vor mir habe ich übrigens nichts zu tun.}

  • André sagt...

    Der Stillstand ist Tod und der geschieht massenhaft…
    Fanta 4 lassen grüßen

  • Johanna sagt...

    Es gibt kein schöneres Gefühl, als das Gefühl etwas zu “erschaffen”! Oh ja, wie wahr.

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