Veröffentlicht: Samstag, 10. April 2010
Geweckt wurde ich durch das animalisch anstößige Piepgestöhne der aktuellen Bettgefährtin meines Nachbarn. Um 5:39 Uhr morgens. Sie ist ausdauernder als die Letzte. Oder er kann einfach länger bei ihr. Wie auch immer hätte ich mir gewünscht sie hätten die Variante stiller morgendlicher Trance-Beischlaf gewählt. Ohne Laute. Ich gönne ja jedem Geschöpf dieser Erde seine sexuellen Ausschweife, aber bitte nicht so früh und direkt neben meinem Bett. Ich wurde wirklich mit einem Mal so aus meinem momentan doch so knapp bemessenen Schlaf (an dieser Stelle ein kurzes, spöttisches “mimimi” für alle) gerissen, dass es mir fast so vorkam, jemand läge neben mir und grunzt mir pervers ins Ohr. Um es ein wenig anschaulicher zu machen: es bohrte sich eine Mischung aus Ferkelquieken und der Gesang eines Orka Wals in meine Ohren. Nachdem ich etwa fünf Minuten meinen Kopf mit geballter Wut in eines meiner Kopfkissen drückte und nur knapp einem Erstickungstod erlag, gab ich mich den gehassten dünnen Altbauwänden geschlagen und versuchte, mit einem Bein aus dem Bett, erstmal meine Kehle von dem umwickelten iPod-Kabel zu befreien. Das war wohl auch der Grund, weshalb mich kurz zuvor das Gefühl eines Erstickungstod überkam.
Ich schlurfte also mit halbgeschlossenen Augen Richtung Badezimmer, als mir schon beim bloßen Griff an die Türklinke ein modrig dumpfer Gestank entgegen kam. Wie sich später am Tage herausstellte: auch eine nette Geste meiner absoluten Lieblings-DJs über mir. Als ich es dann endlich geschafft habe, mit Mief in der Nase und dem immernoch andauernden Echo- Gestöhne in meinem linken Gehörgang, den Löffel in die Müslischüssel zu führen um die letzten Reste meines noch vorhandenen Müslis aufzuschaufeln wagte es doch tatsächlich auch noch der dritte angrenzende Nachbar mit seinem Tim-Taylor-Heimwerker-Schrauber direkt in meinen Hinterkopf zu bohren. Der Morgen, und damit auch der Vormittag, war für mich gelaufen.
Nachdem ich dann geschätzte drei, gefühlte zehn, Stunden und einer nur angefangenen Zeichnung (die nur einen minimalen Bruchteil dieses Zeitraums beanspruchte) an meinem Schreibtisch saß und mit voller Konzentration zum zig tausendsten Mal den Versuch neuer ablenkenden Bleistift-zwischen-den-Fingern-Tricks austüftelte, begriff ich durch einen versehentlichen Blick auf meinen überdimensionalen, kaum übersehbaren Wandkalender, langsam wieder den Ernst der Lage. Es muss etwas getan werden. Es wäre definitiv an der Zeit Panik zu schieben. Mit dieser, nicht unbedingt neuen, Gewissheit und dem Gefühl von akuter aufsteigender Übelkeit wagte ich den Griff zum Telefon, um meiner besseren Hälfte von den neu gesteckten und völlig unrealistisch Zielen in meinem Kopf zu berichten. Wer jetzt denken mag, das war doch wieder nur ein geschicktes Arbeitsablenkungsmanöver, dem schüttel ich genau JETZT die Hand und stimme kopfnickend zu.
Das etwas länger als eingeplante Telefonintermezzo umfasste dann letztendlich alles was Hannah und meine mittlerweile lethargisch gewordene Haut momentan eigentlich nicht interessieren sollte und endete damit, dass ich ihr, mit dem Kopf in meinem Kühlschrank steckend, die akute Leere dessen durch ein Echo näher bringen wollte, während Hannah mir pikante Geschichten ihres früheren Schwimmunterrichts erzählte. Letztendlich bin ich vor Lachen auf dem Boden zusammengebrochen und wischte mir dabei die Tränen unserer stumpfsinnigen Unterhaltung aus dem Gesicht. Ob dieser rege Wortwechsel nun weitreichende Fortschritte für unser Diplom zur Folge hatte bzw. hat ist fraglich.
Allerdings hatte ich mich für meinen Teil soweit im Griff, den Nachmittag doch noch mit sinnvollem Allerlei und sämtlichen organisatorischen Gesülze zu füllen. Zwischendurch entfernte ich noch ein paar Gramm Metall von meinem Körper und widmete mich, wieder aus ablenkungsbegründeten Maßnahmen, der körperlichen Betätigung. Bis Hannahs unstillbare Gier nach meiner Stimme wieder laut wurde. Deshalb klingelte sie mich zu späterer Stunden, mit grundsätzlich strikter Ablehnung eines Rückrufs, aus der Dusche. Ich wanderte halbeingeschäumt von Duschwanne zu Badewanne, machte einen kurzen Sit-In auf dem Fließenboden, bis ich dann die scheinbar optimale Position auf dem Badewannenrand gefunden hatte. Trotz immer noch leicht unbequemer Sitzgelegenheit ließ mich Hannah für satte 45 Minuten halbnass fröstelnd über das Verhalten des männlichen Geschlechts und seine Auswirkungen diskutieren. Da wir zu keinem, oder für mich eher unbefriedigenden allerdings vernünftigen, Fazit gekommen sind durfte ich mich dann doch noch von mittlerweile eingetrocknetem Restschaum befreien.
Und wer uns die letzten Monate miterlebt, weiß, dass dieser Waschtag nicht grundlos war. Denn zur Feier unseres nicht wirklich produktiven Tages gönnten wir uns noch das Konzert der aufstrebenden Münchner Band This Is The Arrival. Wenn schon untätiger Tag, dann richtig. Und genau da machte es sich wieder erschreckend bemerkbar: Wir sind in Sachen “unter Menschen gehen” ziemlich aus der Übung. Um es noch milde auszudrücken. Denn innerhalb der ersten halben Stunde haben uns bereits zwei Typen aufgrund unseres lustlosen Gesichtsausdrucks angequatscht. Spricht also nicht unbedingt für unsere momentane überragende Ausstrahlung. Egal.
Der Tag war, dank Hannahs und meiner von Tag zu Tag steigender Verstandlosigkeit und trotz meiner fast Telenovela gleichen Nachbarschaft sehr lebens- und erlebenswert. Und sollte ich es mal gebacken bekommen still und heimlich eines unserer völlig unsinnigen aber mehr als grandiosenTelefongespräche aufzunehmen, seid ihr die Ersten die es zu hören bekommen werden. In diesem Sinne, fröhliches Durchhaltevermögen.
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Ich freu mich schon auf den Telefonatmitschnitt und wünsche dir noch viel Erfolg bei dem Schlusssprint.
Jaja, das Leben ist halt doch noch kränker als jeder Tarantino-Movie :) Ebenfalls viel Erfolg :)