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Die Kunst sich selbst zu helfen
Foto: Mary Robinson
Wege aus der Depression
Die Kunst sich selbst zu helfen
Von Marcel Winatschek
Veröffentlicht: Dienstag, 16. März 2010

Es gibt gewisse Zeiten im Leben eines jeden Menschen, in denen wir uns nicht nur einsam, verlassen und allein fühlen, sondern uns zusätzlich auch noch selbst die Schuld an unserer bedrückenden und herzensleeren Lage geben. Dann sitzen wir spät Nachts leise und deprimiert zu Hause, kommen mit unserem scheinbar verkorksten Dasein mal so überhaupt nicht klar und hinterfragen unsere früheren Entscheidungen, während wir unsere versiegten Tränen über alten Fotos aus einer längst vergangenen Parallelwelt vergießen. War es richtig sich von Jule zu trennen? Hätte ich doch lieber studieren sollen, anstatt mich gleich in die Arbeitswelt zu werfen? Und warum zum Teufel halten alle meinen guten Vorsätze gerade mal bis zur nächsten Mittagspause an der Frittenbude an?

Viel zu schnell versinken wir dabei in uns selbst und unseren trüben Gedanken, verlieren den Kontakt zur Außenwelt und projizieren unser Leid bevorzugt auf die ein oder andere Person, die uns gefälligst aus diesem Sumpf aus Pessimismus, Melancholie und Mutlosigkeit herausziehen soll. Und muss. Schließlich haben wir so viele wundervolle Dinge zu geben, die allesamt aus uns heraus brechen. Liebe, Treue, Leidenschaft. Irgendwem müssen wir das ja alles an den Kopf knallen.

Leider idealisieren wir bei all der Verzweiflung in der Hektik durchweg Leidenspartner, die gar keine sind. Menschen, denen wir in kürzester Zeit viel mehr geben, als sie es jemals könnten und wollen würden. Die oft gar nicht ahnen, wie viele Hoffnungen und Freuden sie im Leben der temporär verlorenen Seelen auslösen und wie viel Macht sie über deren Wohl und Leid besitzen. Oder sich noch viel schlimmer darüber vollstens im Klaren sind.

So wandelt sich jedes gerade erst zugeworfene Glück bei Nichtbestehen der Erwartungen in puren Hass um, die Freude in Trauer, das Leben in Tod. Das Nichtverstehen macht uns zu schaffen. Warum antwortet sie mir nicht so schnell wie ich ihr? Wer ist das Mädchen da auf dem einen Foto rechts von ihm? Und was kann ich machen um noch mehr Aufmerksamkeit zu erhaschen?

Idealisierungen sind also keine Lösung. Wer tief drin im emotionalen Dreck steckt, der braucht die Hilfe und Ablenkung von wahren Freunden, die sich optimaler Weise bereits in schwierigen Zeiten bewährt haben. Die zur Stelle sind, wenn wir sie am meisten brauchen und gemeinsam mit uns selbst und dem Willen auf einen sonnigen Morgen den grausigen Gedanken den Gar aus machen.

Doch niemals dürfen wir unser Glück oder Leid von nur einer Person abhängig machen, die unseren falschen Bedürfnissen und aufgebauschten Erwartungen sowieso nicht gerecht werden kann und uns letzten Endes – ob gewollt oder ungewollt – noch weiter in das große, schwarze Loch fallen lässt. Denn das beweist wiederum nur einmal mehr, dass es ganz allein an uns selbst liegt unser Leben auf eigene Faust aus der Scheiße zu ziehen – und an niemandem sonst. Es wird Zeit.

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Über den Autoren

Marcel Winatschek lebt in Berlin und ist Chefredakteur bei AMY&PINK. Seine meist etwas abstruse Persönlichkeit setzt sich in gleichen Teilen aus Charakteren in TV-Serien, Sprüchen ehemaliger Sportlehrer und Traumfantasien mit japanischen Karate-Kämpferinnen zusammen, dessen Summe er in einer einmaligen Art und Weise als selbstständigen Menschen ausgibt. Alle Artikel von Marcel lesen oder eMail schicken.

18 Kommentare

  • Andi Licious sagt...

    Aloha,

    ohne zu übertreiben glaube ich der beste Artikel den ich von dir bisher gelesen habe! Passt.

    Viele Grüße,
    Andi

  • Nika sagt...

    Amen.
    Du hast ja so recht.

  • rubia sagt...

    Wahre Worte :)

  • tabja sagt...

    Irgendwie hilft dein Text mir gerade :) Ich bin in genau so einer Situation und habe versucht das alles in Worte zu fassen. Du hast es für mich geschafft und dafür Dank ich dir!

  • selina sagt...

    Wahre Worte im richtigen Moment.

    Vielen Dank dafür!

  • Birk sagt...

    trifft mich voll der Artikel, nice

  • Franzi sagt...

    Danke, dass du auch solche Texte schreiben kannst.

  • Oli sagt...

    Marcel Marcel, ich bin fasziniert. Danke für diesen Beitrag. Bin seit letzter Woche genau, was dein Text beschreibt. Schön, dass du etwas Realität in meinen Kopf zurückbringst.

  • jajah sagt...

    wahre worte. allerdings klingt das alles so negativ…
    wir sind für unser leben, unsere gedanken und unser handeln selbst verantwortlich, aber egal wie sehr wir uns damit selbst in ein schwarzes loch ziehen können, genau so können wir uns aus der scheiße auch wieder herausholen und noch viel höher, viel höher gelangen und genau das ist das wunderbare an der sache. eigentlich könnten wir mit diesem bewusstsein ein so sorgenfreies leben führen… nur komischerweise tut das kaum jemand.

    ps.: warum hab ich eigentlich dieses dumme profilbild und wie kann ich es ändern?

  • blablup sagt...

    Perfekt

  • Daniela sagt...

    Irgendwie trifft das gerade richtig meinen Nerv. Man hängt sich oft an Menschen auf oder an die Gedanken an diese Menschen, und in Wirklichkeit haben wir nur eine Projektion davon im Kopf, wie wir diesen Menschen gerne hätten. Wenn man sich also nicht selbst die Mühe macht, aus dem Sumpf rauszukommen, bringt es auch nichts, wenn andere einen an den haaren versuchen rauszuziehen…

    Schöner Artikel :-)

  • stephan sagt...

    ich heb die hand und stimme dir zu. und wie aus dem nichts fliegen die gedanken der vergangenheit, der zukunft und des hier und jetzt an uns vorbei, die uns wie so oft schon einmal mehr vor augen hält, wie aussichtslos tief wir uns in dieses schwarze loch gestürzt haben. gar so unglaublich tief, dass wir wider der eigenen vernunft den eigenen schopf aus der schwarzen brühe ziehen müssen, um uns vor uns selbst, unserem selbstmitleid und der qual der schweren herzen zu retten.

  • Babel sagt...

    sehr schön! ich liebe solche realistisch negativen texte! die machen mich glücklich! :) ^^

  • Thilo sagt...

    Mehr davon… und komisch das so tolle Worte von Marcel kommen, die Mädels sind doch eigentlich dafür bei Amy&Pink?

  • Cari sagt...

    WOW!!!! ich bin begeistert!!! vergesst alle lebensberater-bücher, denn hier wird klartext gesprochen!!! ganz toll :)

  • erk sagt...

    Faszinierend, wie ähnlich man sich Gedanken zu sowas machen kann …

  • Flüge sagt...

    Echt toller Artikel. Ich denke ich werde mir den ausdrucken und ab und zu durchlesen! Vielen Dank für deine wahren Worte!! :)
    Gruß, Sanne

  • Jil sagt...

    du erzählst aus meinem leben

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