Veröffentlicht: Donnerstag, 19. November 2009
“Bist du mit deinem Leben zufrieden?”, fragte mich das kleine, blonde Mädchen offen, als wir Hand in Hand durch die verlassenen Straßen des längst vergessenen Berlins schlenderten. Kein Windhauch zu spüren, kein Geräusch zu hören, keine Menschenseele zu sehen. Der einstige Krieg lies das Treiben verstummen und die Häuser in einem Feuerodem zerbersten. Ich blickte nur nach oben. Weder im Stande eine Antwort zu geben noch eine Frage zu stellen. Die weißen Wolken auf blauem Grund schwebten triumphierend über den Ruinen der einst so prachtvollen Stadt entlang. Wie lebendig diese Gassen doch einst waren und wie keiner die Tage der ewigen Nacht überlebte. Auch mein geschundener Körper lag irgendwo unter diesen Trümmern begraben. Für ewig.
Meine Begleitung und ich bogen in einen nahegelegenen Park ein und spazierten den mit toten Bäumen gepflasterten Weg entlang. Ihr helles Kleid glänzte in der Mittagssonne und das ehrliche Lächeln auf ihrem Gesicht lies mich für einen Moment den ewigen Schmerz vergessen, den ich seit geraumer Zeit tief in meinem Herzen trug. Wir kicherten, wir tollten herum, doch plötzlich blieb sie stehen und zeigte mit weit ausgestrecktem Arm nach vorn.
Mein Blick wurde starr als ich das rotblonde, nackte Mädchen am anderen Ende des Weges stehen sah. Ich rannte ihr entgegen, doch als ich ihren leeren Blick, das bleiche Gesicht und die blutigen Wunden am ganzen Körper erblickte wurde ich langsamer und blieb vor ihr stehen. Der Himmel färbte sich schwarz, die Wolken verwandelten sich in glühende Funken, die auf die tote Erde niederprasselten, und der Grund tat sich weit vor unseren Füßen auf.
Als ich wieder zu mir komme hält mich Paula fest im Arm und drückt mir ein Glas kaltes Wasser vors Gesicht. “Wieder einer deiner Albträume?” fragt sie mich sanft. Ihre großen Brüste wippen bei jeder Bewegung und die pure Anwesenheit ihres Charakters, die Küsse, der Geruch von billigem Parfum und ungepflegter Intimhygiene mästen meine Aversion ihr gegenüber mit jedem unserer Atemzüge. Paula mag orangene Krawatten.
Allein, dass sie Sina als meine Nachtbegleitung ersetzt hat lässt mich keinen Augenblick daran zweifeln, dass etwas unglaublich falsches im Universum vor sich geht und es an mir liegt das Gleichgewicht unserer Zivilisation wieder herzustellen. “Ich muss sie finden”, erwidere ich nur knapp und nehme einen großen Schluck von dem erfrischenden Nass. “Vor mehr als drei Monaten ist sie wutentbrannt und vor Hass heulend fort gerannt und seitdem verfolgen mich diese Visionen. Sie machen mich krank.”
Das Zimmer ist in dunkelblauen Schwarztönen getränkt und neben dem Bett wurden einige leere Spritzen achtlos auf den Boden geworfen. Mein Körper ist mit klebrigem Schweiß bedeckt und während ich mich vom Balkon übergebe, male ich mir die zu tausenden auftauchenden Fantasien aus. Wie sie stirbt. Wie sie leidet. Wie ich nichts dagegen tun kann. Ein Sturm zieht auf.
“Sie ist deine beste Freundin, du scheiß Schlampe!”, schreie ich Paula plötzlich an und verfluchte den Tag, an dem ich ihr Tor und Tür geöffnet habe. Die nächtelangen Gespräche, das Geheule, die immer wieder kehrenden Entschuldigungen und der bereuende Sex. Wo kommt sie überhaupt her? Und seit wann ist sie da? Ich vermische Realität mit Wahnsinn, kann nicht mehr klar unterscheiden, was wirklich gerade passiert und welcher Teil meiner Lebensgeschichte sich nur in meinem Kopf abspielt. Die Drogen, die Musik, die Frauen. Und dabei will ich doch nur eins. Sina zurück haben. Das ist es was momentan zählt.
Das war das achte Kapitel “Der Wahn deiner Stimme” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter der Kategorie “Literatur“.
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Starker und intensiver Text, Marcel, wirklich: Kompliment.
Das war so ziemlich das beste, was ich seit sehr langer Zeit hier gelesen habe.
Wow, endich geht es weiter! Toll!
Danke, das es weiter geht. Habe mich schon gefragt, ob wir in diesem Jahr noch mit der Fortsetzung rechnen können.
BTW: Steht Ihr vllt. schon mit Verlegern/ Produzenten und Agenten in Verhandlung?
@Dennis
Wenn es nur so einfach wäre…
*Klatsch, Applaudier* Aber warum eigentlich immer Heroin?
Öhm.. das ist ein Running Gag. Oder so.
tut jetzt hier eigentlich nichts zur sache….aber ich vermiss euch