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Adam und Eva
Foto: Ugly Smile
Stadthunger
Adam und Eva
Von Marcel Winatschek
Veröffentlicht: Montag, 3. August 2009

Wir aßen üppig auf ihrer Dachterrasse zu Abend. Sina und Eva hatten gekocht, Lasagne mit Salat, Pudding mit Stückchen drin. So wie ich es am liebsten hatte. Adam redete über das Geschäft. Den Club. Das Chan Shin. Wie schwer es heutzutage doch wäre, einen florierenden Laden am Laufen zu halten. Es gäbe so viel Konkurrenz in der Stadt, dass die Kundschaft immer komischer, aber lustiger werden würde.

Er war hoch gewachsen, hatte an beiden Armen monumentale Tätowierungen, von Löwen und Adlern, Sternen und Rosen. Piercings zierten sein vom Wahnsinn zerfressenes Gesicht und seine dunkle Stimme untermalte alles was er sagte mit einem unausweichlichen Nachdruck.

Eva hingegen war klein, schmal und schlank. Zusammen mit ihren blonden, schulterlangen Haaren verwandelte sie sich in meiner Fantasie oft in die Gestalt einer hellen Fee. Ihre Stimme war sanft und besonnen. Von Eva würde ich mir gern mal eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen lassen.

Ich nickte unaufhaltsam, aber im Grunde genommen war mir alles, was Adam mir da groß und breit erklärte, scheiß egal. Ich war eine der schillerndsten Figuren im Business und es ging mir am Arsch vorbei. Sina wusste das. Sie sah mich mit einem verständnisvollen Blick an und nahm einen großen Happen von der Lasagne. Zu dieser Zeit fand ich es süß, wenn sie sich große Stücke Lebensmittel in den Mund steckte.

“Warum macht dich diese Welt so glücklich?”, frage ich sie, als wir nach Hause gehen. “Welche Welt meinst du?” Sie umarmt mich locker und tanzt dann vergnügt auf dem Kopfsteinpflaster herum. “Die Partys, die Clubs, die überdrehten Menschen. Die Drogen und das alles.” Sie bleibt ruhig stehen und dreht sich langsam zu mir um. “Weil du in ihr lebst.”

Ungläubig sehe ich sie an. “Aber ich hasse sie. Und das weißt du auch.” “Und warum?” “Weil nichts davon echt ist, alles überdreht und künstlich. Die Menschen verdrängen ihre Probleme und Sorgen, spülen sie mit Alkohol hinunter und pushen sich mit Drogen in irgendwelche Kopfwelten, bevor sie am nächsten Morgen umso härter auf dem Boden der Realität aufprallen.”

Mit einem Lächeln kommt sie auf mich zu, nimmt meine Hände und drückt mir einen ebenso zarten wie leidenschaftlichen Kuss auf den Mund. “Ich bin echt.”, flüstert sie leise. “Und wir beide leben in dieser Welt.” Ein greller Lichtstrahl durchbrach meine trüben, vom Dunkeln beherrschten Gedanken. Jaulend und vor Schmerz kreischend zerbrachen die Dämonen meiner Selbst in tausend Stücke und machten Platz für eine grüne, heilende Knospe, die durch die kalte, verdorrte Erde nach oben brach.

Ein Grinsen breitet sich auf meinem gerade zuvor noch so nachdenklichen und aus tiefer Überzeugung und Abneigung mürrischen Gesicht aus. “Na siehst du.”, sagt sie dann, rennt los und breitet ihre Arme aus. “Komm, lass uns fliegen!”, ruft sie und verschwindet hinter der nächsten Ecke. Warte auf mich.

Sina war wie ein kleines Kind, ein Wirbelwind. Sie erinnerte mich an meine eigenen Vorsätze und Überzeugungen, die ich durch das Leben hier verloren hatte. Ihr Gemüt war stets fröhlich, sorgenfrei und voller positiver Überraschungen. Sie war Ernie, ich war Bert. “Sei doch nicht so Bert.”

Ich genoss jede Minute, die ich mit ihr zusammen war. Jedenfalls hatte ich dieses Gefühl im Nachhinein, in Wahrheit nervte sie mich oft mit ihrer allzu argen naiven Sicht dem Dasein gegenüber. Vielleicht war ich auch einfach nur neidisch.

Oft sah ich mir ihren hellen Körper an, fotografierte ihn, liebkoste ihn. Ich kannte jede Sommersprosse auf ihr, jede Narbe, jedes kleine Härchen. Ich wusste wie ich ihr über den Bauch streichen musste, damit sie anfing wie eine Huhn zu kichern, an welchen Stellen sie nicht angefasst werden wollte und wie ich sie zur innerlichen Verzweiflung bis hin zum Orgasmus bringen konnte.

Sina war ein offenes Buch für mich, aber trotzdem schienen so viele Seiten noch ungelesen. Vielleicht unbeschrieben. Und vor denen hatte ich Angst. Eine Vergangenheit, die auf mich wartete, aber von der ich nichts wissen wollte. Weil sie alles verändern, unsere Welt zerstören, unser Dasein vernichten würde.

Das war das fünfte Kapitel “Adam und Eva” aus dem furiosen Blog-Roman-Projekt “Stadthunger”, dem Fortsetzungsroman bei AMY&PINK. Alle Teile davon findet ihr fortwährend auch unter der Rubrik “Stadthunger“.

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Über den Autoren

Marcel Winatschek lebt in Berlin und ist Chefredakteur bei AMY&PINK. Seine meist etwas abstruse Persönlichkeit setzt sich in gleichen Teilen aus Charakteren in TV-Serien, Sprüchen ehemaliger Sportlehrer und Traumfantasien mit japanischen Karate-Kämpferinnen zusammen, dessen Summe er in einer einmaligen Art und Weise als selbstständigen Menschen ausgibt. Alle Artikel von Marcel lesen oder eMail schicken.

2 Kommentare

  • Anna sagt...

    Ohhh wundervoll! Ich warte jetzt schon sehnsüchtig auf das neue Kapitel!

  • Stricksogge sagt...

    Der Schluss gefällt mir irgendwie gut. Man kann ihn irgendwie gut nachempfinden, oder man glaubt zumindest ganz genau zu wissen, was da gemeint ist.

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