Ich bin die Rahmenhandlung

Ich bin die RahmenhandlungFoto:
Von Marcel
Veröffentlicht: Sonntag, 15. März 2009

Ich bin die Rahmenhandlung

Mir ist heute Nacht der Geistesblitz und die Erklärung dafür gekommen, wieso ich in viele Lebenssituationen nicht die Energie stecke, die ihnen eigentlich zu Teil werden sollte, warum ich lieber lache anstatt laut losheulen zu müssen und weshalb ich mich mehr auf die Geschehnisse außerhalb konzentriere, die Spinne an der Wand als auf den Hauptcharakter, die Bonuslevel als auf den Hauptpfad, die kleine immer wieder kehrende Melodie anstatt auf den von allen vergötterten Text. Weil Spiele bestimmte Regeln haben, nachdem sie funktionieren, das der Beweis dafür ist, dass das Leben nur ein Spiel ist und das wiederum bedeuten mag, dass es hier überall versteckte Lücken gibt, die es zu ergründen gibt, Wege, die nur für mich Sinn ergeben und für sonst keinen und dass dieses Große und Ganze und die Art wie es funktioniert für mich viel spannender ist, als das Spiel selbst zu spielen. Ich bin die Rahmenhandlung.

Ich höre Songs nicht als das an, was sie eigentlich sind, sondern mit der Überlegung im Hinterkopf, in welcher Extremsituation ich sie für andere laufen lassen kann, um ihnen ein Gefühl meiner Selbst zu vermitteln. Ich male mir Intros und Abspänne aus, eines opulenter und endgültiger als das andere, um den Zuschauern den Atem zu rauben, sie mit einem pochenden Herz und geschürten Gedanken zurück zu lassen. In denen die Akteure lieben, hassen, sterben. Auf den Filminhalt selbst aber achte ich nur grob. Er ist zweitrangig, soll von anderen produziert werden. Die Geschichte bis zu diesem Punkt ist mir egal. Was zählt ist es diesen Augenblick unendlich zu gestalten.

Bin ich deshalb so oberflächlich, ist das der Grund dafür wieso ich lieber über allem stehe? Immer die Grenzen austeste, sehen möchte wie weit ich gehen kann, weil wenn ich immer weiter laufe irgendwann doch eine Erklärung für das alles hier auftauchen muss, eine Warpzone, eine Botschaft des Spielführers, die mir den Nebel klaut und mich endlich klar sehen lässt. Mir endlich eine Antwort überlässt, mit der ich fortfahren kann. Die mich zu diesem bestimmten Punkt nach dem Allen führt. Dort, wo eigentlich nichts mehr sein dürfte, wo sonst niemand Zutritt hat und wo ich alles zurück gelassen habe, mich umdrehe, und über diesen Mikrokosmos lächeln kann.

Während ich die Straße nach Mitte entlang schlendere, laufen mir kleine Kinder entgegen, die sich gegenseitig laut lachend fangen. Ein Spiel spielen. Eines, das sich innerhalb eines Rahmens bewegt. Mit Auszeit und Regeln. Und das sie jederzeit wieder beenden können. Ich sehe ihnen wehmütig nach und da kann ich es in Worte fassen. Ich erschaffe lieber Spiele als sie zu spielen. Ich erschaffe lieber Leben als sie zu leben. Ich bin die Rahmenhandlung. Eine erlösende Erkenntnis.

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7 Kommentare

  • bastih sagt...

    — “Weil Spiele bestimmte Regeln haben, nachdem sie funktionieren, das der Beweis dafür ist, dass das Leben nur ein Spiel ist und das wiederum bedeuten mag, dass es hier überall versteckte Lücken gibt, die es zu ergründen gibt, Wege, die nur für mich Sinn ergeben und für sonst keinen und dass dieses Große und Ganze und die Art wie es funktioniert für mich viel spannender ist, als das Spiel selbst zu spielen. Ich bin die Rahmenhandlung.” —

    Lieber Marcel, ich habe hier selten so einen geistreichen satz gelesen und überhaupt ist dieser text wirklich immens entpulsiert. so gänzlich in die einbahnstraße der ultraschnellen postmoderne eingebogen, echt gut. nicht toll, sondern wie du schon meintest: eine erlösende erkenntnis.

    vielleicht hast du in diesem sinne auch gesehen, dass du eben eigentlich nicht oberflächlich bist. erlösung ist gut. vielleicht denkst du ja jetzt öfter mal dran.

    und jetzt heirate bitte meine schwester . :)

  • Megges sagt...

    word…!

  • Paule sagt...

    Wenn Marci sich Gedanken macht…

    ..kommt meist so etwas tiefgründiges raus, wie hier wieder geschehen. Danke!
    Und immer lern auch ich über mich selbst Neues…weil ich mich in vielem wieder erkenn.

    Geniales Foto übrigens..hätt nicht gedacht, das ich es nochmal wieder sehe! Wer das nur geschossen hat? ;o)

  • Simon sagt...

    Schöner Text, ich glaube darin erkennen sich tatsächlich einige – mich eingeschlossen – wieder.

    ABER, du bezeichnest dich als oberflächlich, aber bist du im Grunde nicht eher das Gegenteil davon, wenn du eher auf die Dinge achtest, die andere nicht wahrnehmen? Allein die Tatsache, dass du dir Gedanken um so etwas wie Oberflächlichkeit machst, lässt doch erkennen, dass du hinter die Dinge blickst.

    Außerdem sagst du, du erschaffst lieber Leben, als sie zu leben, erschaffst lieber Spiele als sie zu spielen. Aber ist das die Schlußfolgerung aus deinem Text? Ich glaube eher nicht. Ich denke viel mehr, dass du wesentlich mehr lebst als es andere tun und dass du wesentllich tiefgründiger bist als es andere sind.

    Ich finde, dein Text deutet eher darauf hin, dass du das Spiel verstanden hast und es nicht nur einfach durchspielst. Du kennst die versteckten Bonuspunkte und die geheimen Levels, die das Spiel doch erst interessant machen. Das ist zumindest meine Schlussfolgerung aus deinem Text, die ich so für mich auch so übernehmen kann. ;)

  • Marcel sagt...

    Naja kennst du das, wenn du auf ‘nem Markt bist und einfach achtlos an den tollsten Ständen vorbei läufst, weil du dir denkst am Ende gibt’s sowieso das Beste? So in etwa meinte ich das mit nicht auf Dinge achten.

    Marco, hast du das Foto gemacht?

  • rolf sagt...

    lieber marcel,

    ich muss sagen, dass mich als einen news-fotografen deine/eure (natürlich!) seite weiter zum crossover mit der modefotografie antreibt – ein steiniger weg, den ich schon lange gehe, der aber aus verschiedenen gründen nicht eben einfach ist. inspiration finde ich immer wieder: hier. amy&pink ist mittlerweile auch bei meinen kollegen beliebt – eben weil es ein mix aus vielen bereichen ist. weiter so.

    rolf.

  • Marcel sagt...

    dankeschön, so was hören wir doch immer gern ;)

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