Veröffentlicht: Montag, 2. Juni 2008
Die Stadt war anders als vor gerade noch einer Stunde. Es roch immer noch nach frisch geschnittenen Blumen und süßer Eiscreme, doch die Hitze der erbarmungslosen Sonne war einer wohltuenden und doch beunruhigenden Kühle gewichen, die die großen schwarzen Wolken, die nun tief unter dem Firmament hingen, mit sich brachten. Sina und ich gingen hastig an den entlang der Straße liegenden Cafés vorbei. Deren Angestellten brachten bereits Stühle, Tische und Schirme in Sicherheit, als würden sie ahnen, welche Schlacht sich in einigen Minuten am Himmel abspielen würde. Ich spürte den ersten Tropfen auf meine Haut fallen und zog Sina an der Hand, um schneller vorwärts zu kommen.
Eine Gruppe kleiner Kinder sprang an uns vorbei und suchte unter dem Vordach eines Friseursalons Unterschlupf. Die Wipfel der riesigen Bäume neben den Gehwegen tanzten hin und her und am Boden liegende Tüten und Prospekte schienen mitzuspielen. Gerade als sie die Tür zu ihrem Wohnhaus öffnete, explodierte es über uns und wir sprangen beide lachend das Treppenhaus hinauf. Ihre alte Nachbarin von oben lief hastig an uns vorbei und rief: „Mist, Kinder, ich muss die Wäsche noch rein holen, die Wäsche!“. Grinsend betraten wir Sinas Wohnung.
Sie war Studentin und lebte allein in einer großen Altbauwohnung. Vor nicht allzu langer Zeit wohnte sie hier zusammen mit ihrem älteren Bruder, der vor einem Jahr an einer Überdosis starb. Sicherlich war er ein netter Mensch, von dem man viel lernen konnte. Doch Sina sprach nie gern über ihn. Nur ein kleines Foto auf einem Metallregal im Wohnzimmer erinnerte an sein Dasein. Ich zog meine nassen Chucks aus und ging hinaus auf den Balkon. Die vielen Häuser lagen unkenntlich stockfinster vor mir. Nur ein Blitz hier und da erleuchtete das alles ab und zu kurz. Die feuchte Luft stieß mir entgegen. Eine Wohltat, hatte es doch bereits seit zwei Wochen nicht mehr geregnet. Ruhe vor dem Sturm. Es war das erste Gewitter in diesem neuen Sommer. Ein schöner Sommer bis jetzt.
Drinnen lag Sina auf ihrem überdimensional großen Designerbett, ihre Eltern hatten es ihr zum Abi geschenkt. Ein Auto wäre ihr lieber gewesen. Ihre nassen Klamotten hatte sie neben sich auf den Boden geworfen. Ich legte mich an ihre Seite, umarmte sie von hinten, schloss die Augen. Sie duftete. Nach gut. „Wirst du mich vergessen?“, hörte ich ihre leise aber klare Stimme fragen. „Ach Quatsch..“ war alles, was ich heraus brachte und drückte meinen Kopf in ihren Nacken. „Wann geht dein Flug?“ „Morgen früh um kurz nach sechs.“ „Kann ich mitkommen?“ „Ich würde mich freuen.“
Ich kannte Sina noch nicht lange. Sie war süß, blond, und hatte wunderschöne Beine. Doch ich würde sie verlassen und sie wusste das. Letztens hatten wir noch alle hier gefeiert, es war die Party meines Lebens. Doch jetzt war die Wohnung wie ausgestorben. Sina lag nackt neben mir auf dem Bett. Der letzte Sex war nicht so gut. Ich hatte einfach andere Dinge im Kopf. Konnte mich nicht konzentrieren. Der Kühlschrank gab nicht viel her. Ich nahm eine Packung Orangensaft heraus und setzte mich auf die Couch im Wohnzimmer. Auf Euronews lief das Weltwetter. Berlin: 28 °C. „Hier ist Euronews. Mit den Nachrichten zur vollen Stunde.“ Ich zappte auf DSF.
Der Wecker neben mir klingelte und ich sah ihn verdutzt an. Hätte ihn gar nicht gebraucht. War die ganze Nacht wach. Sina kam verschlafen herein und kuschelte sich an den Türrahmen. „Willst du dir nichts anziehen?“ Sie sah mich unverstanden an und ging ins Bad. Ich stand auf und öffnete die Balkontür. Es war schon hell und die Luft roch verführerisch nach frischen Brötchen. Sie wohnte über einem türkischen Supermarkt. „Mist, Kinder, ich muss die Wäsche noch rein holen, die Wäsche!“
„Willst du mal Kinder haben?“ Ich biss in meinen Hamburger und ließ mir Zeit für eine Antwort. „Zwei.“ „Ja, ich auch“. Sie sah wieder auf ihren Gartensalat hinab. Sollte ein erstes Date mit so einer Frage beginnen? Ich hatte mich sofort ein wenig in sie verliebt, als ich sie so vor mir sitzen sah. Sina hatte ein wunderschönes schmales Gesicht und ihre blonden Strähnchen, die in allen Farben der Sonne zu funkeln schienen, fielen ihr ab und zu vor die Augen. Sie lächelte oft und gerne. „Einen Jungen und ein Mädchen.“ Ich nickte nur zustimmend und trank einen Schluck von der Cola. Wir landeten bereits in der ersten Nacht im Bett. Als Sina mich zum Flughafen fuhr, lächelte sie kein einziges Mal. Ich war still. “Mach’s gut.” Mehr konnte ich nicht mehr sagen. Also drehte ich mich um. Und ging.
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Traurig :(
Ja, sehr traurig.
traurig aber toll geschrieben!
Sehr schön geschrieben :)
facking cants ist tod oO
Die Gerüche erreichten durch Deinen Schreibstil sogar Dresden… Kompliment. ;O)
gruselig zu wissen das mich ähnliches Schicksal auch bald ereilen könnte.