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Nacht ohne Morgen
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Nacht ohne Morgen
Von Marcel Winatschek
Veröffentlicht: Dienstag, 1. Januar 2008

Wir rannten durch die von Gestalten mit Sektflaschen und Böllern in der Hand überfüllten Straßen und wichen allem aus, was verdächtig schnell unter unsere Beine flog. Immer fester drückte ich Jennys Hand, am Himmel explodierten sich drehende Farben und plötzlich stoppte ich schlagartig. Schon wieder eine Polizeisperre. Der wütende Mob fluchte die Männer und Frauen in Grün an, warf mit laut krachenden Knallern. Weit hinter der Armee von Blaulichtern konnte man das Brandenburger Tor und die RTL II-Zeichen sehen. Es musste noch einen anderen Weg geben. Wir drückten uns aus der grölenden Menschenmenge und liefen in eine Seitengasse. Das bunte Riesenrad kreiste menschenverachtend über uns.

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Während wir besoffenen Kleinkindern auswichen, die ohne eine Miene zu verziehen Feuerwerksböller auf die Menschen warfen, musste ich an das Gefühl von heute Nachmittag denken, was mir Berlin heute beschert hatte. Der Volksaufstand im Lidl, die ständigen Explosionen, die Veteranen doch glatt an den russischen Einzug im Jahre 1945 erinnern mussten, und Jennys verängstigte dicke Katzen, die bei jedem Knall zusammen zuckten. Es fühlte sich nicht nur an wie die letzte Nacht des Jahres, sondern die letzte überhaupt. So führten sich auch die Menschen in den U-Bahnen und auf den Straßen auf. Es lag eine gefährliche Stimmung in der Luft. Ich kaufte einem illegalen Straßenhändler noch schnell überteuertes Bier ab. Hinter uns hörte man laute Sirenen – in Berlin war der Ausnahmezustand ausgebrochen. Wir stießen gegen die nächste Polizeiabsperrung. Es war kein Durchkommen – das Brandenburger Tor war überfüllt und gesperrt.

So erlebten wir den Jahreswechsel auf einem Weihnachtsmarkt am Potsdamer Platz. Und während über uns die Raketen explodierten und kleine Rabauken das leuchtende DB-Logo und das Will-Smith-Plakat in Brand setzen wollten, ertönten hinter uns schallende Schunkelschlager und alte betrunkene Paare lagen sich in den Armen. Es war ein schöner Ort das neue Jahr einzuläuten. Jenny und ich spielten auf der Heimfahrt “Mario Party” und als wir am nächsten Morgen mit einem Kater aufwachten waren ihre ersten Worte: “Haben heute eigentlich die Geschäfte offen? Ach ne, heut is’ ja Weihnachten..” In diesem Sinn: Ich hoffe ihr hattet alle eine schönes Silvester und ein Tipp am Rande: Macht das Beste aus diesem Jahr.

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Über den Autoren

Marcel Winatschek lebt in Berlin und ist Chefredakteur bei AMY&PINK. Seine meist etwas abstruse Persönlichkeit setzt sich in gleichen Teilen aus Charakteren in TV-Serien, Sprüchen ehemaliger Sportlehrer und Traumfantasien mit japanischen Karate-Kämpferinnen zusammen, dessen Summe er in einer einmaligen Art und Weise als selbstständigen Menschen ausgibt. Alle Artikel von Marcel lesen oder eMail schicken.

3 Kommentare

  • saripari sagt...

    Meine Erfahrungen an der Alten Oper sahen ähnlich aus, wenn auch nicht ganz so gefährlich… jedenfalls hatte man das Gefühl, einem Kompensationskrieg beizustehen (Fire in the hole!).. frohes Neues!

  • Michi sagt...

    Ich war auch auf einem Marktplatz einer kleineren Stadt und da ging es auch ziemlich ab. Am sichersten war es sich an die Hauswand zu stellen, dass man keine Böller in die Kapuze bekommen konnte. Kranke Welt.

  • cassio sagt...

    Also ich durfte mit ner Lungenentzündung zuhause sitzen. So viel dazu.

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